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Neues Deutschland, 27./28. Februar 1999

Zum Platz der DDR in der Geschichte

Der autoritäre Sozialismus des "roten Preußen"

Von Siegfried Prokop

Sich zum Platz der DDR in der Geschichte heute schon zu äußern, ist zugegeben reichlich früh. Mit größerem Abstand wird es leichter sein. Andererseits haben wir es mit einem Konjunkturthema zu tun, und für einige Autoren und vor allem für die Meinungssoldaten in den Medien steht der geschichtliche Platz der DDR bereits jetzt felsenfest. Dies fordert heraus, auch wenn politisch determinierte Archivsperren wie auch die derzeitige weltweite Restaurationsperiode objektive Geschichtsbilder nicht gerade befördern. Ebensowenig der Umstand, daß fast alle ostdeutschen Historiker mit Berufsverbot belegt wurden und die Mehrzahl der Autoren, die über die Geschichte der DDR publizieren, aus dem Westen kommen und nicht in der Lage sind, spezifische DDR-Begriffsprägungen exakt zu interpretieren, was sie nicht hindert, salopp zu urteilen. Die wenigen ostdeutschen Historiker, die noch in Lohn und Brot stehen, sind auf zeitlich begrenzten Stellen tätig, die wegen der ständig erneut anstehenden Notwendigkeit der Beantragung einer Verlängerung nach Pierre Bourdieu wie eine moderne Zensur wirken.
Bei den Wertungen dominiert die Unterordnung unter die Geschichtspolitik der konservativen Parteien, die sich noch nicht vom orthodoxen Antikommunismus gelöst haben. Dazu gehört auch das Diktat der Gleichsetzung der DDR mit der NS-Barbarei, das neben der rechtlichen und sozialen Ungleichstellung Ostdeutscher mit dazu beigetragen hat, daß es nach der Herstellung der staatlichen Einheit nicht zur Vereinigung der beiden deutschen Gesellschaften kam. Das weitere Nebeneinander von Parallel-Gesellschaften in Deutschland könnte aber zu einem Problem werden. Die Problemlösung wird nur möglich sein, wenn auf die Denunziation der DDR verzichtet wird.
Revolutionäre Reformen im Osten
Was also war die DDR? Ich würde sie als einen Staat vom Typ des autoritären Sozialismus kennzeichnen. Staaten diesen Typs betraten nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem in Ost- und Südosteuropa in einer weltpolitischen Konstellation des Kampfes gegen Faschismus und Krieg und in einer Weltregion, die gemessen an Westeuropa und Nordamerika rückständig war, die Tribüne der Geschichte. Ihre Antriebe erhielten sie auch von der Arbeiterbewegung und von der russischen Oktoberrevolution, deren Bedeutung durch den Sieg der Roten Armee über Hitler in ein neues Licht trat. Sozialismus in diesen Ländern durchzusetzen und längerfristig als Alternativ-Gesellschaft zum Kapitalismus zu halten, schien wegen der sozial-ökonomischen Rückständigkeit nur auf autoritärem Wege möglich. Die DDR entstand zwar wie der Tschechische Teil der CSR im Gegensatz zu anderen osteuropäischen Ländern auf einem Territorium, das vor dem Kriege hochentwickelt war, doch hatte sie die Hauptkriegsfolgelast zu tragen, immense Reparationen zu zahlen.
Zur Periodisierung der DDR-Geschichte können vier Perioden unterschieden werden: 1. die Periode der revolutionären Umwälzung 1945-1961, früher als "Übergangsperiode" bezeichnet, 2. die Periode der ökonomischen Reform und des Fortschritts zum "zweiten deutschen Wirtschaftswunder" (1961-1971), 3. die Periode der weltweiten Anerkennung, der Stagnation und des Niedergangs (1971-1989) und 4. die Periode des demokratischen Aufbruchs und des Beitritts zur Bundesrepublik (1989-1990).
Die erste Periode ist gekennzeichnet durch Entnazifizierung mit tiefgreifenden sozialen Umwälzungen wie der Bodenreform, der Enteignung der Konzerne und der Großbanken. Der Vorgang, der sich als Reform ausgab, trug in Wirklichkeit revolutionären Charakter. Es verschwand das Junkertum als soziale Kaste, die seit Jahrzehnten als Modernisierungsbarriere gewirkt hatte. In der DDR gab es keine Bank mehr, die den Bau von KZ finanziert hatte. Die Bildungsreform sicherte, daß bisher benachteiligten sozialen Schichten ihr Recht auf Hochschulbildung verwirklichen konnten. Daß bei Umwälzungen revolutionärer Art auch angestammte Rechte anderer verletzt werden, liegt in der Natur solcher historischen Prozesse. Im Nachhinein stellen sich jedoch Fragen: Mußten auch die Gutsbesitzer enteignet werden, die am 20. Juli 1944 beteiligt waren? Warum führte die Enteignung der Konzerne zum Volkseigentum als einer spezifischen Form des Staatseigentum und nicht zum Gemeineigentum bzw. zum Anteilseigentum der Belegschaften? Solche Fragen stehen im engen Kontext zur sowjetischen Deutschlandpolitik, wie generell die Politik in der DDR stets eng mit Moskauer Linie verknüpft war.
Als Walter Ulbricht 1952 auf der 2. Parteikonferenz der SED zu einem reichlich frühen Zeitpunkt den Aufbau der Grundlagen des Sozialismus beschließen ließ, hat er sich vom sowjetischen Gesellschaftsmodell leiten lassen. Das Land schlitterte in seine erste Existenzkrise, den 17. Juni 1953. An den Streiks und Demonstrationen in zahlreichen Städten und Gemeinden (in Magdeburg auch aufstandsartige Aktionen) waren insgesamt etwa 500 000 Arbeiter beteiligt. Bedenkenswert in diesem Kontext sind die Ergebnisse einer Analyse von Konrad Eckhoff: "Der Aufbau des Sozialismus in der DDR wurde nicht zur Sache der Arbeitermassen, die im Verlaufe dieser Bewegung lernen, die Geschichte mit Willen und Bewußtsein zu machen, er blieb Resultat eines sukzessiven Vorgehens, an dessen Ende die Diktatur über das Proletariat stand. Diese Art der Umwälzung zeigte folgenreiche Auswirkungen auf das Bewußtsein nicht nur der Arbeiterklasse, sondern der Bevölkerung allgemein. Die erlebte die Umwälzung mehr als Objekt denn als Subjekt des Geschehens, nicht als Prozeß, den sie selbst gemacht hatte, als Resultat eigenen Handelns, als selbst vollzogene Revolution. Die entfremdete Form der Herrschaft des Proletariats in Gestalt einer sie substituierenden Bürokratie bedingte auch eine Entfremdung der Arbeiter vom Staat."
Der autoritäre Charakter des Sozialismus verschwand auch nicht nach dem XX. Parteitag der KPdSU 1956, der die Chance zur allumfassenden Debatte der angestauten Probleme auch in der DDR eröffnete. Wolfgang Harich, der am gesellschaftskritischen Denken in Budapest vor allem über Georg Lukàcs und in Warschau über Leszek Kolakowski und Adam Schaff teilhatte, legte die tiefgreifendsten Analysen dieser Zeit und den Entwurf eines Konzepts für eine demokratische Überwindung des autoritären Sozialismus vor. In Harichs Richtung agierten auch andere Intellektuelle und Reformkräfte im SED-Politbüro. Angesichts der Ereignisse in Ungarn, die auch die KPdSU-Führung zur Zurücknahme des ursprünglichen Reformrahmens veranlaßten, konnte Ulbricht bis 1961 alle Kritiker und Oppositionellen zum Schweigen bringen. Wie in den anderen osteuropäischen Ländern wurden auch in der DDR die 1957 in Moskau beschlossenen "Gesetzmäßigkeiten der sozialistischen Revolution und des sozialistischen Aufbaus" Richtlinie des weiteren Aufbau einer autoritären sozialistischen Gesellschaft.
Die DDR erreichte in der zweiten Hälfte der 50er Jahre bedeutende ökonomische, kulturelle und politische Fortschritte, die angesichts der Sputnik-Euphorie dazu verführten, den Entschluß zu fassen, die Bundesrepublik einzuholen und zu überholen. Dies mißlang 1960. Die DDR drohte, im Ergebnis des "brain drain" in den Westen auszubluten. Die Großmächte USA und UdSSR fürchteten, wegen Berlin in einen großen Konflikt zu stolpern und schlossen einen Kompromiß, dessen sichtbares Ergebnis der Mauerbau war.
Die 60er Jahre waren vermutlich die erfolgreichste Periode in der DDR-Geschichte. Wirtschaftliche Probleme konnten bewältigt werden, was auch im Alltag spürbar wurde. Auch im Westen wurde der ökonomische Fortschritt gesehen, man sprach vom "zweiten deutschen Wirtschaftswunder" und vom "roten Preußen". Ulbricht gefiel sich als Anreger des NÖS, einer "Reform von oben".
Schwieriger tat sich die SED dahingegen mit der Gesellschaftsstrategie. Sie begriff zwar im Unterschied zur Euphorie der KPdSU, die glaubte, in der UdSSR bis 1980 den Kommunismus errichten zu können, daß es in der DDR noch lange nicht um den Kommunismus ging und gehen konnte. Jedoch wurde die seit 1945 vollzogene Transformation als Sieg sozialistischer Produktionsverhältnisse betrachtet. Als Kriterium hierfür wurde angesehen, daß die Mehrheit der Betriebe einen genossenschaftlichen oder volkseigenen Status hatten. Nicht beachtet wurde der Unterschied zwischen Volkseigentum und Gemeineigentum. Volkseigentum als Staatseigentum, das nicht der Kontrolle durch die Gesellschaft unterlag, war noch nicht Garant und Ausdruck sozialistischer Verhältnisse. Es konnte auch die Basis für einen anders gearteten Staatsmonopolismus sein.
Alle Strategien nach der Übergangsperiode, wie sie sich auch immer nannten - "entfalteter Aufbau des Sozialismus" (1962), "umfassender Aufbau des Sozialismus" (1963), "Schaffung des entwickelten gesellschaftlichen Systems des Sozialismus" (1967) oder "Gestaltung des entwickelten Sozialismus und Vorbereitung des allmählichen Übergangs zum Kommunismus" (1971/76) -, blieben im Rahmen des autoritären Sozialismus.
Äußere Flexibilität, Starrheit im Innern
Die sich im SED-Politbüro 1964/65 konstituierende reformfeindliche Gruppe unter Erich Honecker, die sich der Gunst des nach Chrustschows Sturz im Kreml regierenden Breshnews sicher war, machte mit den "Kahlschlagplenum" 1965 und ihrer Positionierung gegen den Prager Frühling 1968 der Reform der DDR den Garaus. Es wäre jedoch zu einfach, der DDR in den nun folgenden Jahren der Honecker-Ära jeglichen Erfolg abzusprechen. Honeckers Flexibilität in Fragen der internationalen Politik hat den Prozeß der völkerrechtlichen Anerkennung der DDR Anfang der 70er Jahre befördert. Seine auf die Nuklearraketen gemünzte Forderung "Das Teufelszeug muß weg" trug dazu bei, daß es nicht zur "Eiszeit" kam.
Im Widerspruch zu Honeckers Beweglichkeit im deutsch-deutschen Verhältnis und auf dem Felde der internationalen Politik stand seine Reformfeindlichkeit, seine Starrheit im Innern. Das politischen System und die zentrale Planwirtschaft gerieten wie in der UdSSR auch in der DDR immer mehr in Widerspruch zur Dynamik der neuen Technik-Revolution im Zeichen des Computers. Die starren Produktionsverhältnisse wurden zu Fesseln. Honeckers extensive Sozialpolitik geriet in einen Gegensatz zur Wirtschaftspolitik. Mangelnde wirtschaftliche Effektivität sollten Westkredite kompensieren.
Mit dem Reform-Potential in der SED ging Honecker ähnlich rigide um wie Ulbricht. Kritik wurde abgeblockt, Kritiker beruflich kaltgestellt, eingesperrt, ausgewiesen. Wissenschaftler wie der Ökonom Fritz Behrens mußten ihre Studien versteckt halten. Gerade seine Analysen, die erst nach der Wende publiziert werden konnten, verdeutlichen, in welchem Maße der autoritäre Sozialismus in die historische Sackgasse geraten war.
Kurzum: Der DDR war es nicht gelungen, die Grenzen des autoritären Sozialismus aufzubrechen und das Tor zu einem modernen Sozialismus aufzustoßen. Deshalb ging sie gemeinsam mit den "Bruderländern" unter. Sie war dennoch mehr als nur ein "Sozialismus-Versuch".

Gekürzte Fassung des Referats, das der Berliner Historiker vergangenes Wochenende auf einer Veranstaltung des Marxistischen Forums in Berlin hielt.

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