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Für Krieg gibt es keine guten Gründe

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Neues Deutschland 29./30. Mai 1999

West-Ost-Gefälle: Warum die einen für den Krieg, andere dagegen sind
Für Krieg gibt es keine guten Gründe

Von Prof. Dr. Kurt Starke

Warum, so werde ich gefragt, sind weit mehr Ost- als Westdeutsche gegen den Krieg? Daß jemand gegen den Krieg ist, antworte ich, muß nicht erklärt und gleich gar nicht gerechtfertigt werden. Krieg abzulehnen ist die normale, ursprüngliche Haltung vernunftbegabter Menschen, kein Makel und schon gar keine Macke der Ostdeutschen. Was mich interessiert und auch irritiert, ist, weshalb jemand f ü r diesen Krieg sein kann. Ich denke dabei nicht an Machtpolitiker, Feldherren und Rüstungsfabrikanten, sondern an die sogenannten einfachen Leute. Und dann erst an die Ost-West-Unterschiede.
Hätte mir vor zehn Jahren, als die Leipziger auf der Montagsdemo "Keine Gewalt" auf ihren Lippen und in ihren Herzen hatten, jemand geweissagt, über kurz oder lang würden wenigstens einige von ihnen militärischen Gewalt gegen ein Volk befürworten, ich hätte es nicht geglaubt. Nicht nur der erhebende Augenschein der Gewaltlosigkeit, sondern auch alle unsere empirischen Untersuchungen (des Zentralinstituts für Jugendforschung Leipzig) boten keinerlei Anhaltspunkte für eine solche Prognose. Frieden war von allen außerindividuellen Werten das mit Abstand höchste Gut. Friedenspolitik wurde als erster Vorzug eines Staates betrachtet und für die DDR als ganz selbstverständlich angesehen. Nie wieder Krieg, für Abrüstung, für friedliche Koexistenz - das waren Grundhaltungen von Alt und Jung, Frau und Mann. Daß von der DDR und von deutschem Boden nie wieder ein Krieg ausgehen darf, war gemeinsamer Nenner sowohl derer, die sich - kritisch oder unkritisch - mit der DDR identifizierten, als auch derer die sie ablehnten. Bomben auf Belgrad? Undenkbar.
Jugoslawien, das antistalinistische, politisch-ökonomisch kreative, war für die DDR-Bürger interessant und nicht zuletzt ersehntes Urlaubsziel. Diejenigen, die das seltene Glück hatten, an die Jugoslawische Adria reisen zu können, kamen friedfertig. Wie ist der Sinneswandel zu erklären? Ich behaupte: Die Haltung zum Krieg sagt etwas über das Niveau der politischen Bildung und über den kulturellen und ethischen Zustand einer Gesellschaft und ihrer Untergruppen aus. Ein Mangel an politischer Bildung korreliert mit Manipulationsgefährdung.
Gute Gründe für einen Krieg gibt es nicht. Benjamin Franklin schrieb 1773: "There never was a good war or a bad peace" (Es gab nie einen guten Krieg oder einen schlechten Frieden). Aber jeder Krieg braucht eine moralische Begründung. Diese Begründung muß konstruiert werden. Sie muß emotionalisieren. Menschen, die sie annehmen, müssen sich dabei gut fühlen. Kein Mensch, sofern er nicht ganz verdorben oder verbohrt ist, könnte es ertragen, aus rein persönlichen Gründen Bomben auf England, Saigon, Bagdad oder Belgrad zu werfen. Es müssen außerindividuelle, edle, höhere Zwecke gesetzt werden (diesmal Menschenrechte, Verhinderung einer humanitären Katastrophe, Kampf gegen Faschismus). Da Menschen für das Gute und gegen das Böse sind, ist es logisch, daß sie , sofern sie sich den manipulativen Begründungen nicht entziehen, schweren oder leichten Herzen für den Krieg sind. Sie dürfen dabei auch selbst, ganz persönlich, Gutes tun: spenden.
Der Spendenappell ist ein besonders perfider Teil der psychologischen Kriegsführung. Es wird damit ja tatsächlich Notleidenden geholfen (wenn es auch nur ausgewählte Notleidende sind, denen auch viel effektiver geholfen werden könnte, wenn man ihnen nur einen Teil der Kriegsgelder zukommen ließe oder wenn man gar frühzeitig die Ursachen der Not beseitigen würde). Das Entscheidende freilich ist, durch Spenden emotionale Dissonanzen aufzubauen und den Spendern das Gefühl zu geben, auf der guten Seite zu stehen. Zudem festigt die Spende den eigenen, überlegenen Status und hebt das Selbstwertgefühl. Spenden ist hierarchisch, der eine gibt, der andere empfängt. Der Geber ist stark und oben, der Bettler ist schwach und unten.
Gutherzige, willige Spender gibt es in Ost und West, aber die Ostdeutschen sind skeptischer. Manche von ihnen sehen vielleicht ihr Lebenssoll an Solidaritätsspenden als erfüllt an, fühlen sich überrumpelt, genötigt, oder besitzen eine Abneigung gegen ein Spendenwesen, das ihnen heuchlerisch erscheint. Die psychologische Kriegsführung der NATO repräsentiert westliches Denken und westliches Lebensgefühl. Das mag einer der Gründe dafür sein, daß die Kriegswerbung im Westen besser als im Osten ankommt.
Dennoch, die Bilder, Wertungen und Begründungen, die geboten werden, wirken auch im Osten. Der einzelne ist damit überfordert, Information und Desinformation, Lüge und Wahrheit voneinander zu unterscheiden oder Zusammenhänge zu verstehen, die vernebelt sind oder vernebelt werden. "Im längsten Frieden", sagt Jean Paul 1806, wird "nicht so viel Unsinn und Unwahrheit wie im kürzesten Krieg" gesprochen. Zu sprechen ist vom Vertrauen in das gedruckte Wort, in Pressefreiheit, in die bestehende Ordnung und in die Regierung, die ja gewählt wurde. Wer sie gewollt hat und sich mit ihr identifiziert, der kann nun schlecht nein zu ihr sagen. Gegen diesen Krieg zu sein, bedeutet ja letztlich, in Opposition zu gehen, sich in Widerspruch zu setzen zur herrschenden Meinung, sich in Konfrontation mit der Obrigkeit zu begeben. Dem Osten ist das zwar aus der jüngsten, diesbezüglich erfolgreichen Geschichte nicht fremd, aber dennoch: Das ist nicht jedermanns Sache und im Westen sowieso irrelevant für diejenigen, die ihre Ordnung für die beste aller möglichen halten. Die Identifikation mit den USA, mit dem Westen ist in den alten Bundesländern in spezifischer Weise gewachsen. Der Bundesbürger ist mit dem Marshall-Plan groß geworden. Er wußte, auch wenn einige heftig protestieren, mit den Militäraktionen seiner Supermacht zu leben. Das Gros der DDR-Bürger lehnte sie ab. Dies wirkt zweifellos nach: Das andere Verhältnis zu den USA geht auch mit einem anderen Verhältnis zu USA-Kriegen einher. Insofern ist das ostdeutsche Verständnis von Freiheit, Demokratie, Gerechtigkeit schon spezifisch: Es schließt Kriege gegen andere Völker aus, und es wird auch nicht gedankenlos von der Obrigkeit übernommen.
Kriegsbefürwortung ist nicht zufällig, willkürlich, bloße Charaktersache. Sie wird getragen von einer sozialen Schicht und folgt sozialpsychologischen Mechanismen und Normensetzungen. Diese Schicht ist im Westen qualitativ und quantitativ anders als im Osten. Im Grunde mußte ihr Kern von 1914 über 1939 bis 1999 gar nicht umdenken. Man geht, trotz zwischenzeitlicher Irritationen, ganz selbstverständlich davon aus, daß fremde Länder kriegerisch nicht tabuisiert sind, daß die Deutschen auserwählt sind, Ordnung zu schaffen. Bestimmte nationale Stereotype wurden nie überwunden: die Stigmatisierung des Balkans als Dreckecke Europas, die Abwertung des Slawischen. Diese Schicht setzt auch darauf, daß jetzt, da in Europa die Karten neu gemischt werden, Deutschland dabei sein muß (Verantwortung übernehmen). Das Völkerrecht und andere Rechter werde gebrochen, der (moralisch begründete) Krieg erlaubt alles. Silent leges inter arma, im Krieg schweigen die Gesetze (Cicero).
(Groß)deutsches Denken hatte im Westen eine bessere Überlebenschance, und Ostdeutsche, die zu einem solchen Denken neigten und in den Westen gingen, mindern die Zahl der ostdeutschen Kriegsbefürworter. Sie konnten auch nicht neu wachsen, weil dafür einfach die soziale Basis fehlte. Es kann daher nicht verwundern, daß es im Osten insbesondere die Alten, die sich gegen den Krieg aussprechen. Die Jungen sind nicht nur einfach deswegen häufiger für den Krieg, weil sie ihn am eigenen Leibe nicht erfahren haben, sondern weil sie in anderen gesellschaftlichen Verhältnissen aufwachsen. Verhältnisse, die ihnen viele Vorteile bieten, auch in bezug auf den Krieg: Der Koch, der nach seiner Lehre keine Stelle bekommen hat, aber nun in Bosnien als Bundeswehr-Koch gut verdient, ist nicht gegen den Einsatz in fremdem Land, bei dem er zudem noch viel erlebt.
Krieg bietet eine Perspektive, stiftet Sinn, schafft klare Verhältnisse. "Der Krieg erhebt ein hohes Kraftgefühl in jeder Brust" (Joseph Freiherr von Auffenberg, Bartholomäusnacht, 1847). Krieg hat, jedenfalls zunächst, nicht nur die schreckliche, blutige, tödliche Seite, sondern bedeutet auch Abenteuer, Ausbrechen aus dem Alltag, Sinnessteigerung, er "ist dem Trunk und Wahnsinn gleich, der (nach Seneca) nur die Sünden enthüllt, nicht erzeugt" (Jean Paul). Für den Krieg zu sein, heißt, eine liberale Einstellung zu Gewalt zu haben. Ostdeutsche erleben seit der Wende mehr Gewalt, im Alltag und in den Medien. Die Schwelle zur Gewalt ist bei den ostdeutschen Jugendlichen niedriger geworden. Waffen werden seltener abgelehnt, und sie sind ja auch zugänglich.
Für diesen Krieg zu sein, heißt, auf der Seite der Macht und der Mächtigen und der vermutlichen Sieger zu sein. Das ist die größte Verführung, die von der gegenwärtigen Kriegspolitik ausgeht. Analysen rechtsextremer Jugendgewalt im Osten zeigen eine Überanpassung an die bestehende Gesellschaft, die Gewinnung von (beschädigtem) Selbstbewußtsein mittels Gewalt und mittels der Zugehörigkeit zu den Tätern. Stark sein gegen das Schwache. Die eigene Minderwertigkeit wird zur Erstrangigkeit, die eigene Nichtigkeit zur medialen Größe. Sich endlich mit etwas identifizieren können. Das Leben bekommt für den Moment Ziel und Sinn, die Lebensangst wird durch sieghafte Gewalt überwunden. Das ist die Todesspirale der Angst und der Ängste, die für unser Jahrhundert so bestimmend erscheint. Norman Mailer schrieb in seinem großen Roman "Die Nackten und die Toten" darüber, und Daniil Granin gab seinem jüngsten Buch den Titel "Das Jahrhundert der Angst". Die wichtigste Funktion dieses Krieges ist wahrscheinlich nicht die Durchsetzung politischer und ökonomischer Interessen, nicht der Kriegsgewinn, nicht die Neuordnung Europas und der Welt nach amerikanischem oder deutschem Bilde, sondern die Transformation von Angst in Aggression und das Angstmachen. So funktioniert Macht.
Krieg polarisiert. Krieg kennt nur ja oder nein, ich oder du, die eine oder die andere Seite. Gehörst du nicht zu uns, gehörst du zu den anderen. Die Polarisierung infolge des Krieges ist von ungeheurer Gewalt. Und sie hat die Spätfolgen weit über die Kriegszeit hinaus. Deserteure des Zweiten Weltkriegs sind bis heute diskriminiert, und Serben werden nicht so  bald ihren neuen alten Haß auf bombende Deutsche vergessen können.
Der Krieg hängt einem an.

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