Wie Jugoslawien zerstört wurde. Von Hannes Hofbauer

- Ende der Nachkriegszeit
- Serbien als Hemmschuh der EU-Anbindung
- Guter und schlechter Nationalismus
- Die bosnische Tragödie
- Die Zerstörung Serbiens

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junge Welt 30. März 1999

Ende der Nachkriegszeit
Serie: Vom Recht auf Selbstbestimmung zum NATO-Bombardement:

- Wie Jugoslawien zerstört wurde. Von Hannes Hofbauer (Teil I) -

Der 24. März 1999 markiert das Ende der europäischen Nachkriegszeit. In einem beispiellosen Akt militärischer Aggression haben die 19 NATO-Staaten unter Führung der USA den Krieg nach Jugoslawien getragen. Erstmals seit 1945 ist damit ein souveräner europäischer Staat angegriffen worden. Die nordatlantische Allianz, die sich wenige Tage zuvor bis an die belorussische Grenze und in die Pußta hinein ausdehnen konnte, hat damit einen völkerrechtlichen Präzedenzfall geschaffen. Die Spielregeln internationaler Politik sind außer Kraft gesetzt. Mit ihrer Militarisierung tritt sie in eine neue Phase.

Die westliche Wertegemeinschaft hat den Angriff auf Jugoslawien mit der Mißachtung von Menschenrechten im Kosovo gerechtfertigt. Der Bombenterror aus Kampfflugzeugen im Dienste der Menschenrechte stellt allerdings dieses Bekenntnis in die Tradition des universalistischen abendländischen Machtanspruchs, der vom großen Schisma über die Kreuzzüge bis zum Kampf gegen den Bolschewismus tausend Jahre lang eine blutige Spur durch Europa gezogen hat.

Die Geschichte Jugoslawiens seit dem Verschwinden der UdSSR von der geopolitischen Landkarte bietet ein schauriges Lehrstück westlicher Allmachtsphantasien. Den Preis dafür könnte schließlich Europa als Ganzes bezahlen.

Blenden wir zurück ins Jahr 1989. Am 28. Juni versammelt sich auf dem Kosovo polje, dem Amselfeld, eine Million Serben aus aller Welt, um der verheerendsten Niederlage in der serbischen Geschichte zu gedenken. Auf den Tag genau vor 600 Jahren war das von Fürst Lazar geführte christliche Heer nahe Pristina von den Osmanen unter Sultan Murad I. vernichtend geschlagen worden.

Slobodan Milosevic, der mit großem Pomp per Helikopter auf die Bühne geflogen wird, nutzt diesen historischen Gedenktag, um seiner Partei und seiner Person eine nationale, serbische Aura anstelle der in weiten Kreisen diskreditierten jugoslawisch-kommunistischen Identität zu verpassen. Die Kontinuität der Macht in Belgrad schien damit gesichert.

Auf kosovarischer Seite waren schon seit dem Tod Titos im Jahre 1980 die Stimmen lauter geworden, die sich mit der 1974 zugestandenen weitgehenden Autonomie nicht mehr zufriedengeben wollten. Sie forderten die Errichtung einer »Kosovo-Republik«. Frühlingsdemonstrationen kosovo- albanischer Studenten in Pristina beendete die jugoslawische Polizei am 1. und 2. April 1981 mit brutaler Gewalt. In den Straßen der Provinzhauptstadt blieben damals nach offiziellen Angaben elf Tote zurück, die albanische Seite sprach von 200 getöteten Demonstranten. Eine bis dahin im Kosovo nicht gekannte Radikalisierung setzte ein. Im Herbst 1988
wurden schließlich der Parteichef der albanischen Kommunisten im Kosovo, Azem Vllasi, sowie seine Stellvertreterin Kaqusha Jashari abgesetzt und bald darauf verhaftet. Die Verfassungsänderung vom 28. März 1989 schloß das - historisch gesehen - kurze Autonomiekapitel des Kosovo. Das Parlament in Belgrad erklärte feierlich die Rückgabe der staatlichen Souveränität an Serbien.

Politische Provokationen kosovo-albanischer Führer, die seit langem ausschließlich national argumentierten, verschärften den Konflikt. Im Juli 1990 wurde die Unabhängigkeit des Kosovo ausgerufen, was im Gegenzug die endgültige Auflösung des Parlaments in Pristina zur Folge hatte. Am 18. Oktober 1991 riefen die von Belgrad längst abgesetzten albanischen Abgeordneten eine unabhängige »Republik Kosova« aus, die bis heute von keinem Land der Welt anerkannt worden ist. Die selbstorganisierten und ohne legale Grundlage abgehaltenen Präsidentenwahlen im Mai 1992 machten den Schriftsteller Ibrahim Rugova zu einem Führer ohne Land. Alle
jugoslawischen Einrichtungen werden seither von der albanischen Bevölkerungsmehrheit im Kosovo boykottiert. Belgrad verschärfte zwar die Repression in der Provinz, griff jedoch Ibrahim Rugova, der bereits damals unter dem Schutz des Westens stand, nicht an. Im Jahre 1993 formierte sich eine bewaffnete albanische Untergrundbewegung, die UCK, die von Anbeginn ihrer Tätigkeit Polizeistationen und militärische Einrichtungen im Kosovo im Visier hatte.

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junge Welt 31. März 1999

Serbien als Hemmschuh der EU-Anbindung
Serie: Vom Recht auf Selbstbestimmung zum NATO-Bombardement

- Wie Jugoslawien zerstört wurde. Von Hannes Hofbauer (Teil II) -

»Schuld an der ganzen Misere sind die Kommunisten«, lautete das einfach gestrickte Argument der Jahre 1989/90, das die wirtschaftliche Misere erklären wollte, in die Jugoslawien - wie andere Staaten in Europa auch - geraten war. Die Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs lagen tatsächlich schon lange zurück. Bis Mitte der 60er Jahre galt Jugoslawien als Vorbild an sozialistischer Effizienz, das Bruttonationalprodukt wuchs jährlich um sechs bis sieben Prozent. Mit Hilfe fetter US-Kredite aus den 50ern, die Jugoslawien aus dem Bannkreis Moskaus fernhalten sollten, wußte die Führung um Josip Broz Tito anfangs noch, sinnvolle Projekte zu entwickeln.

Die ersten Krisenerscheinungen machten sich Ende der 60er Jahre bemerkbar. Früher als alle anderen Länder in Osteuropa hatte man Westkredite erhalten, früher als alle anderen mußten sie zurückgezahlt werden. Bereits 1965 wurde im Zuge allgemeiner Dezentralisierung die sogenannte »nationale Ökonomie« auf Republiksebene eingeführt, neun Jahre später kam es zu einer neuen jugoslawischen Verfassung, die der Zentrale nur noch wenige koordinative ökonomische Funktionen beließ. Die Verantwortlichen glaubten vorerst, mit der Föderalisierung einen machtpolitischen Balanceakt zustande gebracht zu haben. In Wahrheit wurden damit entscheidende Schritte in Richtung Desintegration gesetzt. Besonders negative Auswirkungen hatte diese Entwicklung auf den
Außenhandel, der ohne gemeinsames Konzept föderalisiert wurde. 1979 mündete diese Politik in eine wirtschaftliche Stagnation. Die Rückzahlung ausländischer Kredite geriet ins Stocken.

Vorerst noch überschaubar, wuchs der Schuldenberg bis Anfang 1991 auf 16 Milliarden Dollar an, um bis zum Zerfall des Landes 21 Milliarden Dollar zu betragen. Sieben Milliarden Dollar erhielt Belgrad allein zwischen 1985 und 1991; 23 Milliarden flossen im selben Zeitraum ab - an Zinszahlungen und anderen Obligationen. Dieses Mißverhältnis entsprach dem eines hochverschuldeten »Dritte Welt«-Landes, das mit der Rückzahlung des Schuldendienstes kämpft, ohne je die Schuldenlast verringern zu können. Der Krieg in Jugoslawien brach letztlich auch um die offene Frage aus, wer denn nun die notwendigen neuen Dollar- und DM-Kredite erhalten
sollte und wer für die Rückzahlung der aufgelaufenen Altschulden haftbar gemacht werden könnte. Neben den internationalen Schulden existierten auch auf der Ebene zwischen den Republiken Gläubiger-Schuldner- Beziehungen. Slowenien verweigerte seit 1990 das Abführen der Zolleinnahmen an die Zentralregierung. Serbien wiederum betrieb Destruktion am Staatsganzen, als es zur Jahreswende 1990/91 eigenmächtig die Notenpresse in Rotation versetzte, Dinar für umgerechnet 18 Milliarden Dollar druckte, um Lehrer, Militärs und sonstige staatliche Angestellte entlohnen zu können. Damit unterlief Belgrad den gesamten, von Ministerpräsident Ante
Markovic mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) ausgehandelten Sanierungsplan. Dieser sah eine von Jeffrey Sachs ausgearbeitete »Schocktherapie« vor, mit Lohnfreeze, Geldverknappung, Subventionsstreichungen für Sozialausgaben und allem, was seit über zwei Jahrzehnten zum Instrumentarium westdiktierter Strukturanpassungsprogramme gehört. Durch das Einschalten der Notenpresse demonstrierte die serbische Seite den unbedingten Willen zur Beibehaltung des politischen Primats über ökonomische Prozesse. In den reformwütigen Monaten der Wendezeit kam diese Haltung einer Kriegserklärung an IWF und Weltbank gleich.
Der Westen sah darin dementsprechend auch einen »kommunistischen Akt« und einen »Raubüberfall auf die Bundeskasse«. Seit damals gilt Belgrad als Feind der »freien Welt«.

Auch innerhalb Jugoslawiens tobte der Wirtschaftskrieg. Gegenseitige Einfuhrverbote der Teilrepubliken trieben viele ohnedies bereits marode Betriebe in den Ruin. So hatte Serbien als Reaktion auf das Ausbleiben der slowenischerseits einbehaltenen Zollgelder die Einfuhr sämtlicher slowenischer Produkte verboten, Slowenien erließ ein gleichlautendes Dekret für serbische Waren.

Nach der versuchten Antiinflationspolitik von Präsident Markovic brach die von westlichen Finanzhilfeorganisationen wie dem IWF und der Weltbank durchgesetzte Öffnung der Märkte wie ein Orkan über die jugoslawische Industrie herein. Innerhalb weniger Wochen zu Beginn des Jahres 1991 wurden sämtliche Importe aus dem Ausland zoll- und bewilligungsfrei. Die totale Marktöffnung hatte verheerende Folgen für alle jugoslawischen Produktionsbetriebe.

Dumpingwaren aus Südostasien und Westeuropa überschwemmten die Geschäfte. Holländische Blumen, deutsches Gemüse und eine Reihe landwirtschaftlicher Billigprodukte aus dem EG-Raum bedrohten die Substanz der jugoslawischen Landwirtschaft. Der traditionelle Agrarexporteur mußte im Jahre 1990 doppelt soviel landwirtschaftliche Produkte importieren, wie er exportieren konnte. Im industriellen Bereich waren exorbitante Produktionsrückgänge von 30 Prozent im Jahr 1990 und 21 Prozent im ersten Quartal 1991 die Folge. Sie führten zu Kündigungswellen und bereiteten so den Boden für eine andere Verwertung der Arbeitskraft, die
künftig nicht mehr in der Fabrik, sondern am Schlachtfeld stattfinden sollte.

Die Entwicklungsunterschiede innerhalb Jugoslawiens waren dann auch der Auslöser dafür, daß sich die allgemeine wirtschaftliche Krise zu einer politischen und letztlich zu einer territorialen auswuchs. Slowenien als die höchstentwickelte Teilrepublik (5 500 Dollar pro Kopf im Jahre 1990) hatte ein - pro Kopf gerechnet - achtmal höheres Bruttoinlandsprodukt als das Kosovo (730 Dollar). Dazwischen lagen Kroatien mit 3 400 Dollar und Serbien mit 2 200. Das wirtschaftliche Elend der südserbischen Provinz Kosovo und die ebenfalls düstere Lage in Serbien bildeten wesentliche Motive für die Flucht Sloweniens und Kroatiens aus dem Staatsverband.
Solidarität, so tönte es zu dieser Zeit aus dem sich integrierenden Westeuropa, schuldete man den reichen Ländern der Europäischen Gemeinschaft, nicht den östlichen Armenhäusern. In den Augen der Slowenen waren die bevölkerungsreichen Republiken Kroatien und Serbien zum Hemmschuh auf dem Weg in Richtung Europa - sprich: der Brüsseler Union - geworden, auf dem Weg zu Wohlstand und Prosperität zumindest für die Oberschicht der 1,9 Millionen Slowenen.

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junge Welt 01. April 1999

Guter und schlechter Nationalismus
Wie Jugoslawien zerstört wurde. Serie von Hannes Hofbauer (III)

Am 25. Juni 1991 erklärten Zagreb und Ljubljana, mit Rückendeckung Deutschlands und Österreichs, einseitig die Unabhängigkeit ihrer Teilrepubliken. Der jugoslawische Präsident Markovic, wirtschaftspolitischer Gegenspieler des serbischen Präsidenten Milosevic, nahm diese Erklärung nicht zur Kenntnis und befahl der Volksarmee die Sicherung der Staatsgrenzen. Von slowenischen Bürgerwehren besetzt gehaltene Zollstationen wurden daraufhin angegriffen. Nach drei Tagen Krieg, in dem die slowenischen Separatisten über 1 000
jugoslawische Soldaten gefangennahmen, zog sich die Armee in die Kasernen zurück. Der deutschen Außenpolitik schlug die große Stunde, die österreichische assistierte. Im Rausch der nationalen Einheit, die erst kurz zuvor fünf neue Länder an Bonn angeschlossen hatte, zerschlugen Genscher und Kohl das multinationale Jugoslawien. Die sezessionistischen Bewegungen wurden offen unterstützt, die Bundesorgane Jugoslawiens vor den Kopf gestoßen. So z. B., als Österreichs Außenminister Alois Mock lange vor der Anerkennung der slowenischen Unabhängigkeit den späteren slowenischen Außenminister Rupel als Mitglied der österreichischen KSZE-Delegation nach Berlin einlud. Die Diskussionen um einen Ausschluß Jugoslawiens aus den internationalen Organisationen begannen dort.

Ideologisches Kernstück der jugoslawischen Desintegration bildete die These vom Selbstbestimmungsrecht der Völker, die ohne jedes kritische Hinterfragen als Recht zur Errichtung eines eigenen, ethnisch möglichst homogenen Nationalstaates postuliert wurde. Im gesellschaftlichen Milieu des Balkans, das wußte jeder, der es wissen wollte, konnte diese Zielvorstellung nur in den Krieg führen. Wo 30 und mehr Völkerschaften auf engstem Raum miteinander leben, ist die Volkszugehörigkeit als Argument für eine territoriale Einheit ein Unding. Die einfache Formel von der Anerkennung neuer Nationalstaaten als Mittel zur Verhinderung von Bürgerkrieg in
Jugoslawien, wie sie von CDU bis zu den Grünen gebetsmühlenartig wiederholt wurde, hat sich im nachhinein als kriegstreiberisch erwiesen. Ohne daß daraus allerdings bisher irgendwelche Konsequenzen gezogen wurden.

Zudem haben Regierungen und Oppositionen in deutschen Landen von Anfang an gute und schlechte Nationalismen auseinanderdividiert. Serbisch wurde dabei von deutschen Medien und Politikern durchweg mit denunziatorischen Adjektiven belegt, während slowenisch, kroatisch und später bosnisch einen sympathischen Klang erhielten. Zur Zeit der Abtrennung Kroatiens gehörte ja in der Wahrnehmung Deutschlands Sarajevo noch zum sogenannten »serbischen Block«.

Mitte Januar 1991 brachte die »Affaire Spegelj« ein wenig Licht in die dunklen Machenschaften militärischer Vorbereitungen Kroatiens auf einen Bürgerkrieg. Der Kroate Martin Spegelj, selbsternannter Verteidigungsminister aus Zagreb, sprach in einem TV-Interview von der unumgänglichen »Ausrottung« der Serbenhochburg Knin. Dafür hatte er sich von der ungarischen Armee 36 000 Maschinengewehre besorgt. Der Journalist, der die freizügige Rede Spegeljs in Bild und Ton setzte, verstarb zwei Stunden nach Ausstrahlung des Beitrages. Angebliche Todesursache: Selbstmord. Belgrad war alarmiert. Und die serbische Minderheit in
Kroatien bekam Angst vor den Sezessionisten aus Zagreb. Folgerichtig beschloß man in Knin, Pankrac und Umgebung, am 22. Februar 1991 eine »Serbische Autonome Provinz Krajina« auszurufen - ganz nach dem Vorbild Sloweniens und Kroatiens. Die kroatische »Nationalgarde«, die es laut Abkommen mit den Bundesstellen eigentlich gar nicht mehr hätte geben dürfen, sollte in den serbisch besiedelten Teilen des Landes keine Exekutivgewalt innehaben.

Am 2. März 1991, also noch vor den militärischen Auseinandersetzungen um Slowenien, kam es in der Stadt Pankrac zu einer gezielten Provokation kroatischer Garden gegen die örtliche Polizeistation. Eine kroatische Einheit wollte die durchweg serbischen Polizisten der lokalen Station dazu zwingen, die Ustascha-farbene Schachbrettfahne der damals auch international noch von niemandem anerkannten »Republik Kroatien« zu hissen. Als sich die Polizisten weigerten, kamen die ungarischen Armeebestände zum Einsatz. Die ersten Toten dieses Krieges waren Serben. Zu schlechterletzt sollte sich Spegeljs Vorhersage erfüllen: Nach systematischer Aufrüstung der kroatischen Armee durch westliche, insbesondere US-amerikanische Militärs, bombte sich die junge Republik im Sommer 1995 mittels der Aktionen »Blitz« und »Sturmgewitter« serbenfrei, 200 000 Menschen flüchteten in die serbisch kontrollierten Gebiete Bosniens.

Zwischen den Ereignissen von Pankrac und dem kroatischen »Sturmgewitter« hatten jugoslawische Truppen ganze Städte wie Vukovar in Schutt und Asche gelegt und die kroatische Bevölkerung daraus vertrieben.

Titos Kampfgefährte, Milovan Djilas, sollte recht behalten. Im Juni 1991 hatte er in der Wiener Presse gewarnt: »Die Anerkennung der Unabhängigkeit von Slowenien und Kroatien durch Deutschland, Österreich oder andere Staaten wird direkt zu einem Bürgerkrieg in Jugoslawien führen. Dieser Krieg würde von unvorhersehbarer Dauer sein und könnte, so fürchte ich, durch die Intervention internationaler Organisationen oder das Eingreifen der Großmächte nicht gestoppt werden.« Die zwei für Westeuropa wirtschaftlich interessantesten Partner - Slowenien und Kroatien - waren nach den Kriegen um die Krajina und Slawonien ethnisch homogen.

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junge Welt 03. April 1999

Die bosnische Tragödie
Wie Jugoslawien zerstört wurde. Serie von Hannes Hofbauer (IV)

Die bosnische Tragödie übertraf noch die kroatische. Hier war und ist die ethnische Durchmischung um ein mehrfaches komplizierter. Dennoch setzte die deutsch/österreichische Außenpolitik auf dasselbe Krisen»lösungs«muster. Internationale Hilfe wurde an die Ausrufung der Unabhängigkeit geknüpft. Zuvor noch trieb man die bosnische Führung in ein Referendum über die Eigenstaatlichkeit, wohl wissend, daß ein Drittel der Bevölkerung - die Serben - dieses Modell strikt ablehnte. Ein lang andauernder, bis heute nicht wirklich beendeter Bürgerkrieg war die Folge.

Anders als in Kroatien, wo die Nationalgarde mit westlicher Hilfe zur entscheidenden Kampfkraft gebracht wurde, war in Bosnien die Lage weniger eindeutig. Einen muslimischen Staat in der Mitte Europas wollte die Brüsseler Union nicht hinnehmen. Zudem standen allerlei Hilfstruppen afghanischer und iranischer Mudjahedin der bosnischen Führung um Alija Izetbegovic zur Seite. Waffenlieferungen aus der Türkei und dem Iran verstärkten den westlichen Unmut. An eine Aufrüstung der Bosnier unter diesen politischen Bedingungen war nicht zu denken. Also entwickelte man einen Interventionsplan, der die NATO - getarnt als UNO- bzw. SFOR-Truppen und ausgestattet mit wackeligem UN-Mandat - auf den Balkan brachte. Am 31. März 1993 wurde auf Beschluß der UNO über Bosnien ein Flugverbot verhängt. Damals begann die (militärische) Intervention der westlichen Allianz, die von Rußland nicht zuletzt deshalb gebilligt wurde, weil auch Moskau an einer Muslimherrschaft im Herzen Europas kein Interesse hatte.

Der 28. Februar 1994 sah die ersten Angriffe amerikanischer F-16-Bomber auf bosnisch-serbische Flugzeuge. Mitte April begann dann der militärische Einsatz der NATO in Bosnien; über die Konstruktion der »Partnerschaft für den Frieden« nahmen daran auch Soldaten aus Rußland, der Ukraine und Österreich teil. Vorerst lag die Einsatzzentrale im ungarischen Kaposvar. Zu diesem Zeitpunkt stand Belgrad schon längst unter UN-Embargo. Am 27. März 1992 übertrugen sämtliche TV-Stationen der Welt grauenhafte Bilder einer Explosion im Zentrum von Sarajevo, bei der 16 Menschen getötet und viele weitere verletzt worden waren. In eine für Brot Schlange
stehende Menge in der Vase-Miskina-Straße schlugen, so der Kommentar zum Film, serbische Granaten ein; am Boden kriechende Schwerverletzte mit zerfetzten Beinen blieben der Weit in Erinnerung - als Opfer serbischer Aggression. Drei Tage später, am 30. Mai, verabschiedete der UNO-Sicherheitsrat die Resolution 757. Harte Sanktionen gegen Belgrad waren damit, als unmittelbare Antwort auf den Terror, in die Tat umgesetzt.

Später kamen Zweifel auf, ob es tatsächlich von serbischen Positionen abgefeuerte Granaten waren, die das Massaker in der Vase-Miskina-Straße verursacht hatten. Eine Untersuchungskommission der UNO vermißte beispielsweise die für Granatentreffer typischen Einschläge im Asphalt. Auch die Tatsache, daß die Straße eine Woche vor dem mörderischen Zwischenfall von bosnischen Behörden gesperrt gehalten wurde, ließ Vermutungen, es könnte sich bei dem Terrorakt um eine gezielte Provokation bosnischer Milizen handeln, aufkommen - zumal ein bosnisches Fernsehteam an Ort und Stelle war, um die Schreckensbilder in alle Welt zu
senden.

Belgrader Quellen nennen auch eine - später von bosnischen Behörden verhaftete - Augenzeugin, die von ihrem Wohnzimmerfenster aus gesehen haben wollte, wie bosnische Polizisten vor dem Anschlag jenen Teil der Straße abgesperrt hätten, der in ein moslemisches Viertel der Stadt führt, so daß es mehrheitlich serbische Bürger aus Sarajevo waren, die um Brot anstanden. Ob serbische Granaten oder bosnische Bomben blieb letztlich ungeklärt. Das gegen Belgrad verhängte Embargo wäre jedenfalls bei einer genauen Untersuchung des Vorfalls nicht argumentierbar gewesen. Trotzdem bestimmte es jahrelang das Leben von mehr als zehn Millionen Menschen im Rest Jugoslawiens und zig weiteren Millionen in Rumänien, Bulgarien, Mazedonien und Ungarn, die mehr als der
Westen Europas oder gar die USA unter der zwangsweisen Einstellung sämtlicher Wirtschaftsbeziehungen zu Belgrad litten.

Österreich und Deutschland steigerten indes ihre ohnehin bereits revanchistische Politik zu einem rassistischen Furioso. Im März 1993 verfügten die deutsche Notenbank und die österreichische Nationalbank eine generelle Sperre aller Konten von serbischen und montenegrinischen Inhabern, die ihren Hauptwohnsitz in Jugoslawien hatten. Die Embargopolitik erfuhr dadurch eine neue Qualität. Jeder serbische Bezieher einer deutschen oder österreichischen Rente, denn die betraf es in erster Linie, sollte spüren, daß er im falschen, weil bösen Teil Jugoslawiens zu Hause ist. Rentenzahlungen wurden nicht mehr überwiesen, auf speziellen Antrag hin durften
serbische Gastarbeiter, die jahrelang in Österreich oder Deutschland gelebt hatten, 600 DM pro Monat beheben, gleich, wie hoch ihre Rente tatsächlich war. Die Zerstörung Jugoslawiens wurde so in die einzelnen Haushalte getragen.

In den ersten Stunden des 30. August 1995 startete die NATO ihre bis dahin größte Militäraktion auf dem Balkan. Mehr als 60 Kampfflugzeuge griffen Stellungen bosnischer Serben rund um Sarajevo an. Zwei Tage zuvor hatte ein angeblich bosnisch-serbischer Artillerieangriff 41 Menschen getötet. Zwei Monate später stellte sich heraus, daß das Massaker vom 28. August, das der NATO den Vorwand zum Eingriff lieferte, eine gezielte, fürchterliche Provokation der Regierung in Sarajevo war. Britische Experten hatten herausgefunden, daß die Granaten, die den Balkan in eine weitere Spirale des Krieges hineinzwangen, von bosnischen Regierungstruppen abgefeuert worden waren. Französische und russische UN-Fachleute teilten diese Meinung.

Immer wieder war zu jener Zeit - auf den hinteren Seiten der westlichen Medien - von Provokationen bosnischer Einheiten die Rede, so auch Anfang August 1995, als der Chef der französischen SFOR/NATO-Truppe bekanntgab, daß seine Marine-Soldaten bosnische Heckenschützen ausgehoben hatten, die tagelang gezielt auf die eigene Bevölkerung feuerten, um Punkte im Propagandakrieg zu sammeln. Der französische General wurde bald darauf von seinem Posten in Sarajevo zurückbeordert. Izetbegovic gewann, mit Hilfe der amerikanischen PR-Agentur Ruder Finn, die Propagandaschlacht. Die USA konnten sich militärisch als Sieger fühlen.

Der Dayton-Vertrag vom 21. November 1995 besiegelte die Teilung Bosniens. Er war von Kampfjets der USA herbeigebombt worden, die letztlich gezielte Provokationen aus den Reihen der bosnischen Grünen Barette zum Anlaß nahmen, um die serbische Seite in die Knie zu zwingen. Freilich lag den Westalliierten auch daran, die politische Macht Sarajevos zu beschneiden, was - folgt man der totalen Absenz der bosnischen Führung in den westlichen Medien - auch gelungen scheint.

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junge Welt 06. April 1999

Die Zerstörung Serbiens
Serie: Wie Jugoslawien zerstört wurde. Von Hannes Hofbauer (V/Schluß)

Nun soll Belgrad endgültig in die Knie gezwungen werden. Als einziges Land auf dem Balkan, dessen Regierung sich den IWF- und NATO-Diktaten bislang nicht zu beugen gewillt war, bekommt Jugoslawien die volle Gewalt der abendländischen Wertegemeinschaft zu spüren. Da kommen die rebellischen Albaner im Kosovo mit ihren verzweifelten Hilferufen an die NATO gerade recht. Schon mehrere Male in diesem Jahrhundert hatten sich albanische »Freiheitskämpfer« an Wien, Rom, London oder Berlin um Hilfe gewandt, um osmanische oder serbische Bedrückungen abzuschütteln. Und jedesmal kam monarchischer oder faschistischer Entsatz, der die
Aufforderung zur Hilfe als Initialzündung für die Erweiterung des eigenen Machtbereichs begriff. Die albanische Frage brachte das westliche Imperium regelmäßig, wenn auch bislang nur kurzfristig, in die Offensive.

Die dem Völkerrecht und selbst dem NATO-Statut, wonach nur ein um Hilfe rufendes Mitgliedsland militärischen Entsatz verdiene, widersprechenden Luftangriffe der nordatlantischen Allianz auf das souveräne Jugoslawien bilden den vorläufigen Höhepunkt einer westlichen Destabilisierungspolitik auf dem Balkan. Medial wird diese von der ständigen Schuldzuweisung an »die Serben« oder an »Präsident Milosevic« begleitet. Wenn die Politik Belgrads auch einen gewissen Anteil an der Zerschlagung Jugoslawiens haben sollte - die Auslöser dieser Tragödie sitzen in Zagreb, Ljubljana und Sarajevo, die Strategen in Bonn und Washington. Während sich Bonn
von der Zerstückelung des Vielvölkerstaates die Teilnahme der Filetstücke an der westeuropäischen Integration versprach, dürften die Motive der USA, die ja bis Sommer 1991 im Gegensatz zu Deutschland an der Einheit Jugoslawien festhalten wollten, geopolitischer Natur sein. Der Balkan, so ließ man sich nach und nach im Pentagon und auf dem amerikanischen Capitol überzeugen, ist als Aufmarschgebiet gegen zukünftige slawische Unruheherde bestens geeignet. Insbesondere lassen sich von hier aus das Schwarze Meer und damit die Ukraine und Rußland auch vom Südwesten aus erreichen.

Ein ökonomischer Effekt der Zerstörung Jugoslawiens bleibt für den Westen dies- und jenseits des Atlantiks auf jeden Fall: Der Wiederaufbau zerstörter Landstriche von Kroatien über Bosnien bis Serbien bringt fette Aufträge. Und mit den nun durch NATO-Angriffe in Schutt und Asche gelegten Fabriken in Serbien - unter anderem das Zastava- Autowerk, die Utva-Flugzeugfabrik, pharmazeutische und Lebensmittel produzierende Betriebe - hat man sich auch lästiger Konkurrenten entledigt.

Eine zweite mögliche Strategie der US-geführten NATO- Schläge könnte sich auch indirekt gegen Westeuropa richten. Wirtschaftliche Kleinkriege zwischen Brüssel und Washington sind ja bereits auf der Tagesordnung. Die Euro- schwangere Europäische Union stellt zudem einen nicht ausmachbaren Konkurrenten für US-Amerika dar. NATO- Schläge zur Destabilisierung der EU-Ränder verursachen langfristig politische Kosten auf dem Kontinent. Nach dem direkten Eingriff der NATO werden nationalistische Bewegungen über Jahre die Kultur auf dem Balkan bestimmen. EU-Europa ist in der Folge mit einem Problem beschäftigt, das man sich eigentlich vom
Hals schaffen wollte: die Ethnisierung sozialer Probleme an der Peripherie. Wer alles den Preis für diese Politik bezahlen wird, steht noch nicht fest.

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