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Neues Deutschland 1998

Gastkolumne

TV-Reservate für den Fußball?

Von Georg Seeßlen, Der Filmkritiker (49) lebt bei Kaufbeuren in Bayern.

Die Versammlung der Familie vor dem heilig erstrahlenden Gerät, dessen letzte Rate soeben bezahlt war - das war das mythische Bild der ersten Phase des deutschen Fernsehens, in der wir für eine geringe Gebühr ein vergleichsweise menschenfreundliches, kultiviertes Programm geboren bekamen. Die zweite Phase, charakterisiert durch das duale System von öffentlich-rechtlichem und privatem Fernsehen, diente dem Übermalen des gesellschaftlichen Umbauprozesses hin zu Neoliberalismus und Deregulierung und der Auflösung der Unterscheidung von Nachricht, Unterhaltung und Werbung, Unser mythisches Bild dafür sind Arbeitslose, einsame Rentner, alleingelassene Kinder vor Flimmerkisten, in denen schrille Game Shows oder Al Bundys Familientragödien laufen. Je elender das Leben, desto größer die Satellitenschüssel.
Die dritte Phase - das digitale Pay-TV, das Bezahlfernsehen - wird eingeläutet in einer prekären Marktsituation. Zum einen muß in Zeiten von Sozialabbau, Arbeitslosigkeit und Kaufkraftverlust die Bereitschaft, sich an den Pay-TV-Tropf zu hängen, gerade bei denjenigen Schichten gering ausgebildet sein, die das Fernsehen als "Fenster zur Welt" besonders intensiv nutzen. Zum anderen aber ist ein Schub der Privatisierung und Vermarktung von gesellschaftlichen Bereichen zu beobachten, wie er vor ein paar Jahren noch nicht einmal vorstellbar war. Eine Avantgardeposition nimmt dabei der Sport ein, der noch nie politisch-ökonomisch "unschuldig" war, aber auch vordem nicht so deutlich auszusprechen wagte, daß sein Angebot nichts anderes als eine virtuelle Ware und ein Fußballverein nichts anderes als ein Unternehmen in der virtuellen Branche.
Da mit dem traditionellen Elite-Angebot, gemeinhin Kultur genannt, nicht viel zu machen ist, bietet sich der Sport geradezu an, ihn auf erpresserische Weise ins Pay-TV zu verlagern. Nur wer im Besitz der Bilder ist, kann am Mainstream-Diskurs teilhaben. Haste gesehen, wie Loddar Maddäus den Freistoß ... Wir haben lediglich die Kurzfassung in den freien Kanälen gesehen und fühlen uns selbst sozial entwertet.
Ist das Medium auf solche Weise aufgeladen, können Exklusivverträge für große Show-Stras folgen, als letzte können dann sogar diejenigen Moderatoren politischer Information abwandern, die Nachrichten "verkaufen" können. Ist der Prozeß der Transaktion attraktiver Angebote vom allgemeinen zum Pay-TV erst einmal in Gang gesetzt, wird er sich von selber fortsetzen, bis dem allgemeinen Fernsehen in der Tat nur die allerentwertesten Bilder bleiben. Welch blutiger Ernst sich in der Formulierung vom "Zweiklassenfernsehen" verbergen mag, läßt sich in der Vorstellung fassen, daß das offene allgemeine Fernsehen von den tonangebenden gesellschaftlichen Kräften zur populistischen Manipulation genutzt wird, während irgendeine Form der Kritik, wenn überhaupt, nur in den exklusiven Nischen des Pay-TV zu haben ist. Zensur und Propaganda sind in einer solchen Situation explizit nicht mehr nötig: die Struktur des Medienmarktes sorgt selbst dafür, daß die richtigen Mythen und Nachrichten an die richtigen Konsumenten geraten.
Nicht nur der Fluß der Bilder wird sich ändern, sondern auch ihr Inhalt. Als zahlender Kunde ist es angemessen, nur solche Nachrichten zu erhalten, die meiner Vorstellung von der Welt entsprechen, also wird der Anbieter darauf achten, meinen Bilderhunger gezielt zu bedienen. Rechte und Pflichten rund um die Produktion von Bildern werden eindeutig und ganz im Sinne des Neoliberalismus zugunsten von Inhabern von "Urheberrechten" verschoben. Der Kampf um die Bilder wird daher notgedrungen an Rücksichtslosigkeit zunehmen, der Kuhhandel um die Vermarktung der Fußball-WM im Jahre 2002 zeigt, wohin der Hase läuft.
Der größte Coup populistischer Heuchelei ist freilich, wenn gewisse Politiker nun kernige Worte über das Recht des Bürgers aufs Fußballspiel im freien Fernsehen finden und gar so etwas wie Fußball-Schutzzonen einrichten wollen. Einmal abgesehen davon,
- daß Kritiker wie unsereins schon beizeiten auf die hier dargelegten Gefahren und Probleme verwiesen haben,
- daß alle Welt wegen eines Fußballspiels in Rage gerät, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, daß man auf diese Weise genauso politische, ökonomische und kulturelle Information auf- und zuteilen kann,
- daß dies nur ein, wenngleich besonders anschauliches Kapitel des Umbaus der bürgerlichen Demokratie in eine populistische Mediengesellschaft ist:
Dieser Prozeßß ist weder Ausdruck postmoderner Medienbefindlichkeit noch ökonomischer Sachzwänge. Er ist politisch gewollt und produziert.

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