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Schabowski war der Schmetterling

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Novemberrevolution Deutschland 1918,



Neues Deutschland 08./09. Mai 1997

Dynamische Schwellenwert-Modelle in der Sozialforschung: Moralisten und Hedonisten, die DDR und das Chaos
Schabowski war der Schmetterling

Von Martin Koch

Große soziale Umwälzungen gehen mitunter von scheinbar singulären Ereignissen aus. Wir erinnern uns: Als SED-Politbüromitglied Günter Schabowski am 9. November 1989 vor die Presse trat, verfolgte er im Grunde nur die Absicht, das Prestige der neuen SED-Führung zu heben. Die hatte entschieden, wie Schabowski den Reportern voreilig mitteilte, ständige Ausreisen fortan über alle DDR-Grenzübergangsstellen zu gestatten. Doch dann wollte ein Journalist wissen, ab wann das gelte. Schabowski irritiert: "Wenn ich richtig informiert bin, nach meiner Kenntnis, unverzüglich."
Keiner konnte damals ahnen, daß viele Menschen vor dem Bildschirm mißverständlich annehmen würden, die SED hätte sich entschlossen, jeden DDR-Bürger sofort in die Bundesrepublik und wieder zurück reisen zu lassen. Der folgende Ansturm auf die Grenzübergangsstellen in Ostberlin und anderswo führte noch am selben Abend zur Öffnung der Mauer und wenig später zum Untergang der DDR. Eine offenbar unterschätzte Maßnahme gab dem Prozeß der demokratischen Erneuerung in der DDR schlagartig eine neue Richtung.
Seither streiten sich die Forscher, ob die "Wende" überhaupt als Revolution angesehen werden darf. Ja wird sagen müssen, wer unter "Revolution" eine grundlegende Änderung der politischen und wirtschaftlichen Ordnung versteht, ungeachtet der Tatsache, daß im Herbst ´89 vieles aus dem Rahmen der gängigen sozialtheoretischen Erklärungsmuster fiel. Vor allem überraschte die Friedfertigkeit des Geschehens. (Im Gegensatz etwa zu Lenin 1920: "Große Fragen werden im Leben der Völker nur durch Gewalt entschieden.") Die Wende verlief nicht im Zeichen ferner Geschichtsziele, ja fast ohne "Philosophische" Vorbereitung. Man stülpte der Bewegung kein ideologisches Dogma über und verzichtete auf die führende Rolle irgendeiner Gruppierung.

Ob und wiefern die Strukturen einer Gesellschaft instabil geworden sind, zeigt sich erst im Ergebnis ihrer versuchten Veränderung. Aus diesem Grund ist für soziale Umwälzungen das Handeln einer Avantgarde unverzichtbar. Denn in der Art und Weise, wie der Staat darauf reagieren vermag, offenbart er zugleich die Stabilität seiner Macht.

Trotzdem entstand eine Massenbewegung, die sich mit ungeheurer Dynamik selbst organisierte. Um ihren Verlauf zu rekonstruieren, liegt es nahe, auf das Schwellenwert-Modell der US-amerikanischen Soziologen Mark Granovetter und Roland Soong zurückzugreifen, das kollektive soziale Phänomene an spontane individuelle Handlungen knüpft. Es geht von der (im Grunde selbstverständlichen) Voraussetzung aus, daß ein Mensch in jeder Gesellschaft zwei Handlungsalternativen besitzt: sich entweder den herrschenden Zuständen anzupassen oder dagegen aufzubegehren. Vor dieser Entscheidung standen im Herbst 089 auch viele Leipziger: Bleibe ich zu Hause in Sicherheit oder gehe ich auf die Straße und riskiere verhaftet zu werden? Den eines war klar: Kam eine Veränderung zustande, dann profitierten davon am Ende auch die Zauderer, und wenn nicht, waren nur die anderen von Sanktionen betroffen. Nicht umsonst wird diese Situation in der Soziologie als Schmarotzer-Dilemma bezeichnet.
Bekanntlich nahmen am 4. September 1989 nur etwa 1000 Menschen an der Montagsdemonstration teil. Am 25. September war ihre Zahl erst auf 5000 gestiegen. Am 9. Oktober trauten sich immerhin 70000 auf die Straße, am 16. Oktober waren es schon 11000, am 30. Oktober gar 450000 Teilnehmer. Alle Demonstrationen, die vor dem 9. Oktober stattfanden, wurden von der Polizei aufgelöst, wobei es öfter zu "Zuführungen" und Schlägen kam. Selbst angesichts des rapiden Machtverfalls griff die SED-Führung nicht zu militärischen Mitteln, über die, was gerne vergessen wird, allein sie verfügte. Die Entscheidung, ob die Wende in einem Blutbad enden würde oder nicht, lag letztlich in ihren Händen.
Nach der Demonstration vom 9. Oktober, die erstmals nicht aufgelöst wurde, überwanden immer mehr Menschen ihre Furcht und schlossen sich den nachfolgenden Protesten an. Hinfort wurde der revolutionäre Prozeß von einer sich selbst verstärkenden Dynamik getragen. Das heißt: Je größer die Anzahl der Teilnehmer wurde, desto mehr sanken die Hemmschwellen der anderen, ebenfalls zu demonstrieren. Außerdem bestanden in der Masse geringere Gefahren für den Einzelnen, zur Zielscheibe von Repressionen zu werden - während zugleich die Chancen stiegen, einen grundlegenden Wandel herbeizuführen.
Daß ausgerechnet Leipzig zur Wiege der Proteste wurde, ist nach Auffassung des Hamburger Soziologen Karl-Dieter Opp neben gravierenden sozial-ökologischen Problemen auch den örtlichen Gegebenheiten geschuldet. Leipzig besitzt einen zentralen innerstädtischen Platz, den früheren Karl-Marx-Platz, auf den sich die Montagsdemonstranten jede Woche nach dem Friedensgebet in der Nikolaikirche zubewegten. Und was dort geschah, erfuhren die daheimgebliebenen sofort aus den Westmedien, so daß eine zentrale, geplante Koordinierung der Proteste am Anfang gar nicht nötig war. Die Proteste selber wurden, so der Mannheimer Soziologe Hartmut Esser, von zwei Gruppen getragen. Die Mitglieder der ersten Gruppe (sie seien kurz "Moralisten" genannt) waren auf eine Veränderung der politischen Zustände aus, ohne sogleich die DDR abschaffen zu wollen. Ihre Mitglieder besaßen dementsprechend niedrige Hemmschwellen für Protest, im Gegensatz zu den Personen der zweiten Gruppe (den "Hedonisten"), die später hinzukamen und neben materiellen Verbesserungen die rasche Wiedervereinigung wollten.
Deutlich sichtbar kam es nach dem 9. November zu einem Knick in der bis dahin ansteigenden Kurve der Teilnehmerzahlen: von 450000 am 6. November auf 175000 am 13. November. Die Vermutung liegt nahe, daß die meisten "Moralisten" ihre Ziele als grundsätzlich erreicht ansahen und auf eine weitere, innere Demokratisierung setzten. Im Gegensatz dazu forcierten die "Hedonisten" den Einheitskurs und führten die Demonstrationen mit dem Ziel fort, die Dominanz des bundesdeutschen Fremdeinflusses zu sichern.
Warum bleibt zu fragen, kam es erst im Herbst ´89 zu dieser Entwicklung? Denn die meisten DDR-Bürger waren schon lange zuvor mit wirtschaftlichen Zuständen und politischer Bevormundung unzufrieden. Ein interessanter Hinweis findet sich bei dem Historiker Alexis de Tocqueville, der 1856 die Vorgeschichte der Französischen Revolution studierte: " ... es ist nicht immer so, daß Revolutionen ausbrechen, wenn die Dinge sich verschlechtern. Im Gegenteil, es geschieht häufiger, daß ein Volk, welches lange Zeit ein Unterdrückungsregime widerspruchslos ertragen hat, sich gegen dieses erhebt, wenn es spürt, daß die Regierung ihren Griff lockert."
Rasch kann in Situationen, in denen das Regime gegen seine eigene Legitimation verstößt , der repressive Apparat an Handlungsfähigkeit einbüßen. Anders gesagt: Wer ein diktatorisches System nur "ein bißchen" reformieren will, läuft Gefahr, es gänzlich zu zerstören.
Letzten Endes aber hängt der Erfolg einer Revolution vom Instabilitätsgrad der politischen uns sozialen Strukturen ab. Und darin liegt das eigentliche Problem: Man kann "soziale Instabilität" nämlich weder messen noch anderweitig "von außen" bestimmen. Ob und inwiefern die Strukturen einer Gesellschaft instabil geworden sind, zeigt sich erst im Ergebnis ihrer versuchten Veränderung. Aus diesem Grund ist das entschlossene und risikoreiche Handeln einer Avantgarde für soziale Umwälzungen unverzichtbar. Denn in der Art und Weise, wie der Staat darauf zu reagieren vermag, offenbart er zugleich die Stabilität seiner Macht.

In instabilen Systemzuständen genügt ein geringer Impuls, um große Veränderungen auszulösen. Auch in Sozialsystemen entstehen solche "Schmetterlingseffekte". Sie basieren auf der Bereitschaft großer Menschengruppen, vorhandene soziale Energien für eine zufällig entstandene singuläre Orientierung zu mobilisieren.

Stabile diktatorische Herrschaftsformen gründen sich im Regelfall auf eine strenge Kontrolle der Information. Ein geschickter Herrscher, wußte schon der schottische Philosoph David Hume, unterläßt alles, wodurch "seine Feinde sicheren Aufschluß über ihre Anzahl und Stärke gewinnen könnten, und gib ihnen keine Gelegenheit sich gegen ihn zu organisieren".
Lange besaß die SED-Führung einen relativ großen Spielraum, repressive Maßnahmen gegen einzelne Protestgruppen anzuwenden. Solange Moskau im Rahmen der Breshnew-Doktrin garantierte, jede instabile politische Situation notfalls mit Brachialgewalt zu bereinigen, mußte sich die SED keine ernsthaften Sorgen um einen etwaigen Machtverlust machen. Diese Gefahr wurde erst akut, als Michail Gorbatschow schrittweise von der Politik seiner Vorgänger abrückte. Jetzt gewannen die Oppositionsgruppen, die bis dahin eher überschätzte Gefahr für das System darstellten, an realem Einfluß. Je stärker der Informationsfluß zwischen ihnen und der Bevölkerung wurde, desto mehr entglitt dem Staat das Informationsmonopol. Mit dem Resultat, daß immer mehr Menschen die drängenden sozialen Probleme als solche empfanden und die Chancen auf die Herausbildung einer breiten Volksbewegung stiegen.
Normalerweise ist eine Gesellschaft in hierarchisch organisierte Menschengruppen unterteilt. Deshalb werden jene Gruppen, die an der Veränderung sozialer Mißstände am meisten interessiert sind, auch zuerst handeln. Doch nur dann, wenn andere Gruppen sich ihnen anschließen, haben ihre Bestrebungen Aussicht auf Erfolg. So war es auch im Herbst ´98: Allwöchentlich zeigten die Leipziger Montagsdemonstrationen den noch zögerlichen DDR-Bürgern an, ob und wieweit die angelaufene Protestwelle an Kraft gewonnen hatte. Was in Leipzig vieltausendfach verkündet wurde, breitete sich lawinenartig über das ganze Land aus und führte dazu, die politischen Strukturen zwischen Sonneberg und Saßnitz weiter zu destabilisieren. Damit einher ging ein rapider Abfall der individuellen Protest-Schwellen selbst bei Leuten, die ansonsten nur hinter der Gardine "protestiert" hätten. (Was ohnehin noch genug taten.)
Im November ´89 hatte die Destabilisierung der Verhältnisse ihren Höhepunkt erreicht. Die DDR war in einen gleichsam "kollektiven Erregungszustand" geraten, der auf rasche Entladung zielte. Was noch fehlte, um die angestauten sozialen Energie zu entfesseln, war ein Zündfunke. Ein Zündfunke allerdings, der die Erwartungen und Sehnsüchte der Menschen in sich bündelte. In der Naturforschung wird ein vergleichbares Systemverhalten als Chaos bezeichnet und durch den berühmten "Schmetterlingseffekt" illustriert. Der besagt nichts weiter, als daß in instabilen Systemzuständen bereits ein vergleichsweise geringer Impuls ausreicht (im übertragenen Sinn eben ein Schmetterling!), um große, unvorhersehbare Veränderungen auszulösen.
Instabile entstehen natürlich auch in Sozialsystemen und damit "Schmetterlingseffekte", die nachhaltig deren Entwicklung beeinflussen. Sie basieren auf der Bereitschaft großer Menschengruppen, die vorhandenen sozialen Energien für eine zufällig entstandene singuläre Orientierung zu mobilisieren. Daß im Herbst ´89 ausgerechnet der bullige Günter Schabowski zum "Schmetterling" des DDR-Chaos wurde, ist mit Blick auf das hochsensible Mauerproblem im nachhinein verständlich. Die von ihm ungewollt ausgelöste Bewegung besaß darüber hinaus gute Chancen, einen echten sozialen Neubeginn zu initiieren. Nur leider klappte das vom Chaos aufgestoßene "historische Fenster" viel zu rasch wieder zu. Kaum angelaufen, viel die politische Selbstorganisation Ostdeutschlands der Fremdorganisation der Vereinigung zum Opfer. Damit verbunden: ein Verlust der basisdemokratischen Impulse der Wende, die für eine Fremdorganisation nicht taugten. Die Wahlen vom 18. März 1990 trugen ebenso wie die Währungsunion dazu bei, die neuen (von außen aufgeprägten) politischen und ökonomischen Strukturen zu stabilisieren, so daß es binnen weniger Monate möglich wurde, das lebendige demokratische Chaos des Herbstes 1989 in die festgefügte parlamentarische Ordnung des 3. Oktober 1990 zu überführen.

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