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Deutsche Interessen in Serbien

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Neues Deutschland, 13./14. Februar 1999

Deutsche Interessen in Serbien / Notizen von einer Reise

 Jabuka - Apfelbäume und rote Astern

 Von Kurt Wolff, Kronau / Baden

Schon vor dem weltpolitischen Kosovo-Konflikt scheute Deutschlands Drang nach Südost keine Opfer. Im Herbst 1941 erschoß die Wehrmacht 8000 serbische Juden, Kommunisten und Roma als Geiseln. Bis zur Befreiung im Oktober 1944 starben allein an der Böschung der Tamis-Niederung bei Jakuba insgesamt 12 000 Menschen.
Die Sonne scheint, als wir von Belgrad über Pancevo in Richtung Zrenjanin fahren. Die angedrohten Bomben sind zum Glück noch nicht auf Belgrad gefallen. In Pancevo, 18 Kilometer östlich von Belgrad, gibt es seit 30 Jahren eine Ölraffinerie. Seit vergangenem Jahr ist das Petrolchemische Werk ein Objekt in der Zielplanungsliste der NATO-Operationsabteilung.
Dort, "wo es Milosevic weh tut" (Kommentar des BR), in Pancevo, besuchen wir die Familie von Milomirka Fillmann, geborene Martac. Sie wohnt in der Arbeitersiedlung Streliste, gegenüber der Raffinerie. Seit fast sieben Jahren sind sie Opfer der Sanktionen und leben unter dem Existenzminimum. Nun hat sie der deutsche General und NATO-Operationschef Klaus Naumann als Geiseln ausersehen, um den jugoslawischen Präsidenten "zum Einlenken" in der Kosovo-Frage zu zwingen.
Milomirka sieht im "Heute" das Kind des "Gestern" und den Vater des "Morgen". Auch wir finden: Die Klischees der anti-jugoslawischen Kriegspropaganda haben sehr viele reale Vorbilder in der Vergangenheit. Es wird in deutschen Medien suggeriert, die jugoslawischen Sicherheitskräfte behandelten die albanischen Einwohner Kosovos ebenso, wie einst die Wehrmacht ihre Geiseln.
Das "Gestern". Am 10. Oktober 1941 befahl der deutsche General der Infanterie Franz Böhme, damals Bevollmächtigter Kommandierender General in Serbien, schärfste Maßnahmen zur Niederwerfung des Aufstandes gegen die deutschen Besatzer¹:
"In allen Standorten in Serbien sind durch schlagartige Aktionen umgehend alle Kommunisten, als solche verdächtige männliche Einwohner, sämtliche Juden, eine bestimmte Anzahl nationalistischer und demokratisch gesinnter Einwohner als Geiseln festzunehmen. Diesen Geiseln und der Bevölkerung ist zu eröffnen, daß bei Angriffen auf deutsche Soldaten oder auf Volksdeutsche die Geiseln erschossen werden ...
Treten Verluste an deutschen Soldaten oder Volksdeutschen ein, so haben die ... zuständigen Kommandeure ... umgehend die Erschießung von Festgenommenen in folgenden Sätzen anzuordnen:
a) für jeden getöteten oder ermordeten deutschen Soldaten oder Volksdeutschen (Männer, Frauen oder Kinder) 100 Gefangene oder Geiseln,
b) für jeden verwundeten deutschen Soldaten oder Volksdeutschen 50 Gefangene oder Geiseln. Die Erschießungen sind durch die Truppe vorzunehmen. Nach Möglichkeit ist der durch den Verlust betroffene Truppenteil zur Exekution heranzuziehen ...
Bei der Beerdigung ist darauf zu achten, daß keine serbischen Weihestätten entstehen. Setzen von Kreuzen auf den Gräbern, Schmuck derselben usw. ist zu verhindern. Beerdigungen werden deshalb zweckmäßig an abgelegenen Orten durchgeführt.
Die bei Kampfhandlungen von der Truppe gefangenen Kommunisten sind grundsätzlich am Tatort als abschreckendes Beispiel zu erhängen oder zu erschießen.
Ortschaften, die im Kampfe genommen werden müssen, sind niederzubrennen, desgleichen Gehöfte, aus denen auf die Truppe geschossen wird."
Am Nachmittag fahren wir von Pancevo den Fluß Tamis entlang in Richtung Zrenjanin nach Norden. Links und rechts der gut erhaltenen Straße zahlreiche Obstgärten mit gepflegten Birnen- und Apfelbäumen (jabuka). Etwa drei Kilometer vor dem einst wohlhabenden Ort Jabuka verschwinden die Obstplantagen auf der linken Seite, und die Straße nähert sich der steil abfallenden Flußniederung. Dort erhebt sich eine modern gestaltete Gedenkstätte - ohne Kreuz. Ein Dichterwort ist die einzige Inschrift:
ZVESDA JE NA POCETKU /
ZVESDA JE NA KRAJU /
CRVENE NASE BRAZDE.
Ein Stern am Anfang, /
ein Stern am Ende. /
Rot unsere Furche.

Darunter zwei frische Sträuße weißer und roter Astern. Nicht verrät dem Fremden, was dort vor 57 Jahren geschah. Um es zu erfahren, lesen wird den Bericht des Oberleutnants Hans-Dietrich Walther, des Chefs der 9. Kompanie des Infanterie-Regiments 433. Er befehligte die Erschießung von Juden und Roma am Abhang der Flußniederung bei Jabuka. Oberleutnant Walther schrieb am 1. November 1941 an die 704. Infanterie-Division:
"Nach Vereinbarung mir der Dienststelle der SS holte ich die ausgesuchten Juden bzw. Zigeuner vom Gefangenenlager Belgrad ab ... Der Platz, an dem die Erschießung vollzogen wurde, ist sehr günstig. Er liegt nördlich von Pancevo unmittelbar an der Straße Pancevo-Jabuka, an der sich eine Böschung befindet, die so hoch ist, daß ein Mann nur mit Mühe hinauf kann. Dieser Böschung gegenüber ist Sumpfgelände, dahinter ein Fluß (der Tamis, K. W.). Bei Hochwasser, wie am 29.10., reicht das Wasser fast bis an die Böschung. Ein Entkommen der Gefangenen ist daher mit wenig Mannschaften zu verhindern. Ebenfalls günstig ist der Sandboden dort, der das Graben der Gruben erleichtert und somit auch die Arbeitszeit verkürzt.
Nach Ankunft etwa 1,5 - 2 km vor dem ausgesuchten Platz stiegen die Gefangenen aus, erreichen im Fußmarsch diesen, während die LKW mit den Zivilfahrern sofort zurückgeschickt wurden, um ihnen möglichst wenig Anhaltspunkte zu einem Verdacht zu geben. Dann ließ ich die Straße für sämtlichen Verkehr sperren aus Sicherheits- und Geheimhaltungsgründen.
Die Richtstätte wurde durch 3 IMG und 12 Schützen gesichert: 1. Gegen Fluchtversuche der Gefangenen. 2. Zum Selbstschutze gegen etwaige Überfälle serbischer Banden.
Das Ausheben der Gruben nimmt den größten Teil der Zeit in Anspruch, während das Erschießen selbst sehr schnell geht (100 Mann in 40 Minuten).
Gepäckstücke und Wertsachen wurden vorher eingesammelt und in meinem LKW mitgenommen, um sie dann der NSV ("Nationalistische Volkswohlfahrt"; K. W.) zu übergeben.
Das Erschießen der Juden ist einfacher als das der Zigeuner. Man muß, zugeben, daß die Juden sehr gefaßt in den Tod gehen - sie stehen sehr ruhig -, während die Zigeuner heulen, schreien und sich dauernd bewegen, wenn sie schon auf dem Erschießungsplatz stehen. Einige sprangen sogar schon vor der Salve in die Grube und versuchten sich tot zu stellen."
Aus einem Privatschreiben von SS-Gruppenführer Harald Turner ist zu schließen, daß in dem Zeitabschnitt vom 25. Bis 31. Oktober 1941 außer den vorher schon "umgelegten" 5800 Geiseln noch "weitere 2200, ebenfalls fast nur Juden" erschossen wurden - also bis zum 1. November 1941 zusammen 8000 ermordete Geiseln.
Nach einer Auskunft des Museums Pancevos wurden bis zur Befreiung durch die Jugoslawische Volksbefreiungsarmee und die Rote Armee am 20. Oktober 1944 allein am Tatort bei Jabuka insgesamt 12 000 wehrlose Geiseln, hauptsächlich Juden und Roma, von der deutschen Wehrmacht erschossen.
Was wird ein deutsch geführtes Europa noch mit dem Kosovo-Konflikt anrichten?
In einer Weisung des Generals Franz Böhme vom 29. Oktober 1941 heißt es:
"1. Serbien gehört geschichtlich, geographisch, wirtschaftlich und politisch in die Machtsphäre des Großdeutschen Reiches.
Deutsche Truppen und Militärverwaltung in Serbien haben die Aufgabe,
a) ab sofort die Mittel und Kräfte des Landes in die deutsche Kriegswirtschaft einzuspannen,
b) für die Zukunft eine enge verwaltungsmäßige und wirtschaftliche Bindung Serbiens an das Reich vorzubereiten, gleichgültig, wie sich die politische Stellung Serbiens zum Reich später gestalten wird.
2. Das erste Erfordernis im Rahmen dieser Aufgabe ist die Niederwerfung der Aufstandsbewegung. Auf dieses Ziel müssen taktischer Einsatz der Truppe und Arbeit der Verwaltung einheitlich ausgerichtet sein. Daher unterstehen mir in Serbien alle Truppenteile und Verwaltungsdienststellen..."
Milomirka berichtet: "Unser jüdischer Freund Alexander Mosic kämpfte damals in der Aufstandsbewegung gegen die Besatzer. Nach dem Krieg studierte er Ingenieurwissenschaft und leitete die Planung, Konstruktion und Bau der Ölraffinerie in Pancevo."
Wer verkörpert heute im Krieg gegen Jugoslawien die "Aufstandsbewegung"?, frage ich Milomirka, als wir durch Jabuka fahren. Sie schweigt, ihre Augen sind naß. Ihr Sohn Dragan, vor sieben Jahren im Krajina-Krieg schwer verwundet, will sich trotz seiner Behinderung freiwillig ins Kosovo melden. Er ist nur einen Steinwurf weit vom Kosovo geboren und will seine Heimat schützen vor Terroristen und Geiselmördern im Auftrag der Weltpolitik. Ihm sind Brot, Arbeitsplätze, richtig zugestellte Briefe seiner Mutter, die Schule für sein Söhnchen und endlich Frieden wichtiger als irgendein völkisches Identitätsgefühl.

¹Die historischen Zitate sind der Dokumentation "Europa unterm Hakenkreuz", Bd. VI, 1992, entnommen.

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