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Todesstrafe

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Schabowski war der Schmetterling, zum Platz der DDR in der Geschichte, Deutsche Interessen in Serbien, Der Krieg um das Image, Für Krieg gibt es keine guten Gründe, Der Fall des Eisernen Vorhangs und der Schock der Freiheit,

Novemberrevolution Deutschland 1918,


- Todeskampf in der Gaskammer; Lausitzer Rundschau / Elbe-Elster Rundschau 05. März 1999
- Kommentiert: Unwürdiger Rechtsbruch; Lausitzer Rundschau / Elbe-Elster Rundschau 05. März 1999
- Für Vergebung der Todesstrafe; Neues Deutschland 06./07. März 1999
- Bonns Einsatz blieb vergeblich; Die Welt 05. März 1999
- 18 Minuten dauerte der Todeskampf von Walter LaGrand; Die Welt 05. März 1999
-
Kurzmeldung: Todesurteil aufgehoben; Neues Deutschland 13./14. März 1999
- Bush kannte keine Gnade - Urgroßmutter Beets hingerichtet; Neues Deutschland 26./27. Februar 2000



Lausitzer Rundschau / Elbe-Elster Rundschau 05. März 1999

Todeskampf in der Gaskammer

Deutscher Walter LaGrand exekutiert / Letzte Entschuldigung bei Familie des Opfers
Aus Florence berichtet JERRY NACHTIGAL, AP
Der Deutsche Walter LaGrand ist gestern trotz aller Appelle der Bundesregierung und einer Aufschubsforderung des Internationalen Gerichtshofs in einer Gaskammer im US-Staat Arizona hingerichtet worden.
Die auch wegen ihrer Grausamkeit umstrittene Hinrichtung begann im Gefängnis von Florence damit, daß Zyanidtabletten in eine mit destilliertem Wasser und Schwefelsäure gefüllte Pfanne unter dem Sitz des 37jährigen geworfen wurden. Giftige Dämpfe stiegen auf, LaGrand begann zu husten, schüttelte seinen Kopf und würgte mehrere Male. Nach mehreren Minuten fiel sein Kopf vornüber. Seine Schultern bewegten sich noch mehrmals reflexartig. Nach 18 Minuten wurde er für tot erklärt. Anders als sein am 24. Februar hingerichteter Bruder Karl hatte Walter LaGrand nicht das Angebot der Justizbehörden Arizonas angenommen, im letzten Moment die Giftspritze der Gaskammer vorzuziehen.

Protest gegen Todesstrafe
Die wegen Ermordung eines Bankfilialleiters 1982 zum Tode verurteilten Brüder hatten sich in der Hoffnung für die Gaskammer entschieden, diese Hinrichtungsmethode würde von Berufungsgerichten wegen ihrer Grausamkeit für verfassungswidrig erklärt werden. Während das Appellationsgericht in San Francisco die Hinrichtung der Brüder mit Gas verbieten wollte, ließ das Oberste Gericht der USA auf Antrag Arizonas die Exekutionen zu. Walter LaGrand sagte schließlich, er wolle mit seinem Tod in der Gaskammer gegen die Todesstrafe protestieren. Infolge dieser letzten juristischen Schritte verschob sich die Exekution um mehrere Stunden.
Vor der Hinrichtung entschuldigte sich LaGrand mit seinen letzten Worten bei den Familien des Opfers. Weiter sagte er: "An all meine Lieben, ich hoffe, ihr findet Frieden. An alle hier Versammelten, ich vergebe Ihnen und ich hoffe, daß mir in meinem nächsten Leben vergeben werden kann."
Der Hinrichtung war ein zwei Tage dauerndes juristisches und diplomatisches Tauziehen vorausgegangen. Doch halfen dem Todeskandidaten weder die Forderung des von Bonn angerufenen Internationalen Gerichtshofes in Den Haag nach Exekutionsaufschub noch der Appell des Vizepräsidenten des Internationalen Gerichtshofs, Christopher Weeramantry, an die US-Regierung, sie solle alles tun, um auf die Behörden Arizonas im Sinne eines Hinrichtungsaufschubs einzuwirken.
Die Bundesregierung hatte noch am Dienstag das Haager Gericht angerufen, weil die deutschen Behörden beim Verfahren gegen LaGrand zu spät eingeschaltet worden waren, obwohl dieser deutscher Staatsbürger war. Gouverneurin Jane Hull lehnte Gnadenappelle von Bundeskanzler Gerhard Schröder und Außenminister Joschka Fischer ab. Sie ignorierte auch eine Empfehlung des Begnadigungsausschusses von Arizona, die Hinrichtung um 60 Tage aufzuschieben.

Wahl: Gas oder Spritze
Arizona führte die Hinrichtung mit tödlichen Injektionen ein, nachdem 1992 der elfminütige Todeskampf eines Delinquenten in der Gaskammer als zu grausam empfunden wurde. Vor 1992 verurteilte Todeskandidaten wurde allerdings die Wahl der Hinrichtungsart freigestellt. Gaskammern gibt es nur in fünf der 38 US-Staaten, die die Todesstrafe haben. Wie das amerikanische Nationale Informationszentrum über die Todesstrafe mitteilte, wurden seit Wiederzulassung der Todesstrafe in den USA 1976 nur zehn der 500 Verurteilten in der Gaskammer hingerichtet.

Klimaanlagen sollen verrotten

Von PETER RZEZNITZECK

Jane Dee Hull gilt in der US-Politik nicht gerade als zartbesaitet. Die republikanische Gouverneurin von Arizona steht der Rechtstradition der Südstaaten, und die baut auf unerbittliche Härte gegenüber Kapitalverbrechern. Im "Todesgürtel" von Texas über Alabama bis Florida werden die meisten Hinrichtungen vollzogen. Und wehe dem Politiker, der diese "menschliche Wegwerfmentalität" anzweifelt oder sich darüber hinwegsetzt. "Ich werde sicherstellen, daß wir weiterhin mit Nachdruck die Todesstrafe durchsetzen", verkündete die 63jährige in ihrer Regierungserklärung. Selbst offensichtliche Verfahrensfehler scheinen Hull nicht von ihrer harten Linie abbringen zu können wie 1998 der Fall des Honduraners José Villafuerte zeigte. Auch sonst zeigt die Gouverneurin keine Sympathien für Häftlinge. Als Parlamentsabgeordnete machte sie den Vorschlag, die Klimaanlagen in Gefängnissen einfach verrotten zu lassen. Auf diese Weise würde man einige Insassen auf natürliche Weise loswerden.

Exekution in 90 Ländern

In den USA warten zur Zeit über 3000 Häftlinge auf ihre Hinrichtung. Seit 1976, als der Oberste Gerichtshof die Todesstrafe wieder zuließ, gab es mehr als 5000 Hinrichtungen. Nach UNO-Angaben wird die Todesstrafe in über 90 Ländern vollstreckt. In circa weiteren 40 ist sie legal, wird aber nicht mehr vollstreckt. Beispielsweise wurden 1998 in China 3152 Todesurteile gefällt und die Hälfte davon vollstreckt. In Deutschland ist die Todesstrafe seit 1949 abgeschafft, in Großbritannien seit 1969 und in Frankreich seit 1981.

Hinrichtung ist teurer als Haft

Im US-Staat Florida beispielsweise kostet jede Hinrichtung circa 3,18 Millionen Dollar. Die Kosten entstehen durch: Mehraufwand an Experten-Gutachten, Ermittlern, längere Verfahren, die Unterbringung der Jury, zwei getrennte Verhandlungen, Berufungsverfahren, Isolierung der Verurteilten in Hochsicherheits-Todestrackten, zusätzliches Wachpersonal, keine Möglichkeit zu arbeiten. Die Kosten für lebenslängliche Haft (40 Jahre) betragen circa 516 000 Dollar.

Urteil muß einstimmig sein

Eine Jury von zwölf Geschworenen befindet über Schuld oder Unschuld des Angeklagten. Das Urteil muß bei Kapitalverbrechen einstimmig erfolgen. Die ausgesprochene Todesstrafe kann nur ein Begnadigungsausschuß und/oder der Gouverneur bzw. der Oberste Gerichtshof der USA aufschieben oder in lebenslängliche Haftstrafe umwandeln.

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Lausitzer Rundschau / Elbe-Elster Rundschau 05. März 1999

Kommentiert

Unwürdiger Rechtsbruch

VON VERENA UFER
Einen Menschen zu vergasen - welche Schuld auch immer er auf sich geladen hat - ist barbarisch und eines demokratischen Staates absolut unwürdig. Man verspürt Übelkeit beim Hören von Augenzeugen-Berichten über Exekutionen, wie gestern im Fall LaGrand.
Der besonders grausamen Hinrichtung des Deutschen ging neben Gnadenappellen der Bundesregierung auch eine Mißachtung des Einspruchs vom Internationalen Gerichtshof in Den Haag voraus. Und somit war die Exekution auch ein eklatanter Bruch des Völkerrechts. Die Bundesregierung darf angesichts dieser Tatsache jetzt nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, sondern muß mit diplomatischen Mitteln, aber dennoch nachdrücklich, vom Bündnispartner die Einhaltung internationaler Abkommen einfordern. Auch wenn die Vereinigten Staaten traditionell harthörig und unwillig sind gegenüber Ermahnungen aus dem Ausland darf Bonn außerdem nicht nachlassen, immer wieder generell gegen die Ausübung der Todesstrafe zu protestieren. Zumal bisher keine Statistik der Welt den Nachweis erbrachte, daß Exekutionen die Kriminalitätsrate, die Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft senken.

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Neues Deutschland 06./07. März 1999

Für Vergebung der Todesstrafe

Bruderhofgemeinschaft lehnt Hinrichtungspraxis ab

Von Ingolf Bossenz
Die Hinrichtung der beiden LaGrand-Brüder in Arizona hat in den USA die Diskussion um die Todesstrafe neu belebt.

Als Johann Christoph Arnold vor zwei Jahren im Todestrakt von Connecticut einen Serienmörder und Vergewaltiger besuchte, stellte er sich die Frage, ob man einem solchen Menschen vergeben könne, und zwar als einem Mitmenschen, der furchtbare Dinge getan hat. Er bejahte dies.
Der in Rifton (USA-Staat New York) lebende Arnold ist Vorsteher der internationalen Bruderhofgemeinschaft, einer evangelischen Bewegung, die sich einem einfachen, gewaltfreien Leben in Gütergemeinschaft verschrieben hat. In den 20er Jahren von Eberhard Arnold (Großvater von Johann Christoph Arnold) in Deutschland gegründet, wurden ihre Mitglieder nach Machtantritt der Nazis aus der Heimat vertrieben. Die nachfolgende Odyssee führte über Lichtenstein und Südamerika in die USA und nach England, wo es heute sechs beziehungsweise zwei Bruderhöfe gibt.
Die Nachricht von der Hinrichtung von Karl und Walter LaGrand erreichten Johann Christoph Arnold in Deutschland, wo der 59jährige gerade sein jüngstes Buch "Wer vergibt, heilt auch sich selbst" (erschienen bei Herder) vorstellte. Nicht nur, daß die LaGrand-Brüder auch Deutsche sind, macht ihn betroffen. Als entschiedener Gegner der Todesstrafe hat er in den letzten Jahren zahlreiche Aktionen der Bruderhofgemeinschaft gegen die exzessive Hinrichtungspraxis in den USA organisiert. So für den vor 17 Jahren im Bundesstaat Pennsylvania wegen angeblichen Polizistenmordes zum Tode verurteilte afroamerikanischen Journalisten Mumia Abu-Jamal, mit dem Arnold persönliche Freundschaft verbindet.
Daß die Todesstrafe durch das Gesetz erlaubt sei, rechtfertige diese nicht, sagt der Leiter der Bruderhöfe im Gespräch mit ND. "Denn es gibt ein höheres, ewiges Gesetz: Vor Gott ist jedes Menschenleben unantastbar." Es gelte vielmehr, gegen die Ursachen der Kriminalität vorzugehen. Als einen wichtigen Beitrag dazu sieht Johann Christoph Arnold die Bereitschaft, den Kreislauf von Rache und Vergeltung zu durchbrechen und jenen Menschen, die Verbrechen begangen haben, diese zu vergeben. "Das heißt nicht, Verbrechen zu verharmlosen oder stillschweigend darüber hinwegzusehen. Aber wir dürfen solchen Menschen auch nicht von Beginn an die Möglichkeit nehmen, sich zu ändern." Arnold verweist auf ein Wort Martin Luther Kings, mit dem er einst gemeinsam in Alabama demonstrierte: Vergebung hat die Kraft, einen Feind zu einem Freund zu machen.
Gerade in den Tagen, die die letzten der LaGrands waren, kam aus den USA eine Meldung, die Arnolds Hoffnung neue Nahrung geben kann. Die 600 Mitglieder starke Gruppe "Familien von Mordopfern für Aussöhnung" appellierte an den Staat Arizona, die Todeskandidaten zu verschonen. Renny Cushing, Vorsitzender der 1976 gegründeten Vereinigung, ist sich sicher, daß Hinrichtungen "nicht den ersehnten Frieden bringen". Cushing war der Organisation vor elf Jahren beigetreten, nachdem sein Vater vor den Augen seiner Mutter erschossen worden war. Er ist heute froh, daß der Täter mit lebenslanger Haftstrafe davonkam. Durch Aussöhnung wollen die Vereinsmitglieder "Heilung in sich selbst" finden. "Vergeben ist der Weg zu Frieden und Glück", heißt es im Buch von Johann Christoph Arnold. "Es ist ein Geheimnis, das uns verborgen bleiben wird, solange wir uns nicht auf die Suche danach begeben."

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Die Welt 05. März 1999

Bonns Einsatz blieb vergeblich

LaGrand in den USA hingerichtet - Oberstes Gericht lehnt deutschen Antrag ab

Florence/Bonn - Trotz gerichtlicher der Bundesregierung in Bonn ist der Deutsche Walter LaGrand am Mittwoch abend (Ortszeit) im US-Bundesstaat Arizona hingerichtet worden.
Der wegen Raubmordes verurteilte Mann habe in der Gaskammer des Staatsgefängnisses von Florence einen "furchtbaren Todeskampf" durchgemacht berichteten Zeugen. Der Oberste Gerichtshof in Washington hatte in letzter Minute einen Antrag Bonns, die Hinrichtung auszusetzen, abgelehnt.
Daraufhin fand die Exekution, die zunächst für 15.00 Uhr (Ortszeit) angesetzt war, um 21.12 Uhr (5.12 Uhr MEZ) statt. Der Tod wurde erst 18 Minuten später festgestellt.
Bevor das giftige Zyanid in die Gaskammer geleitet wurde, bat der 37jährige um Vergebung für seine Verbrechen. Walter LaGrand und sein zuvor bereits hingerichteter Bruder Karl waren 1984 wegen Mordes an dem Bankangestellten Ken Hartsock und versuchten Mordes an dessen Kollegin Dawn Lopez bei einem Banküberfall 1982 zum Tode verurteilt worden.
Beim Obersten Gericht der USA hatte Bonn am Mittwoch einen Hinrichtungsaufschub mit der Begründung beantragt, die Brüder LaGrand hätten bei der Festnahme 1982 keinen deutschen Rechtsbeistand in Anspruch nehmen können. Die zuständigen deutschen Stellen seinen damals nicht informiert worden. Damit hätten die USA das Wiener Übereinkommen über Konsularbeziehungen verletzt.
Die Richter in Washington wiesen den Antrag ab. Bonns Ersuchen sei erst zwei Stunden vor dem geplanten Hinrichtungstermin eingegangen, hieß es. Dieser habe bereits seit dem 15. Januar festgestanden - "auf der Basis eines Urteils von 1984, von den die Bundesrepublik Deutschland seit 1992 weiß". "Es erscheint", daß die USA durch die Wiener Konvention nicht ihre "souveräne Immunität" aufgegeben hätten.
Die Richter hoben auch ein vom Neunten Bundesberufungsgericht in San Francisco verfügtes Hinrichtungsverbot durch Giftgas auf. Die Berufungsinstanz hatte diese Strafe für "grausam" und deshalb verfassungswidrig erklärt. Der Staat Arizona hatte dagegen Einspruch erhoben.
Bundesaußenminister Joschka Fischer setzte sich vergeblich ein einem Telefongespräch mit der Gouverneurin von Arizona, Jane Hull, für den Todeskandidaten ein. Dabei hatte sich sogar der Begnadigungsausschuß von Arizona für einen Aufschub ausgesprochen.
Vor der Hinrichtung wandte sich LaGrand an die Frau, die den Überfall überlebt hatte, und die Hinterbliebenen des Mordopfers. "Es tut mir leid", sagt er, "ich hoffe, Sie finden Frieden ... Ich hoffe, ich werde in meinem nächsten eben Vergebung finden."
Mit Walter LaGrand starb erstmals seit 1992 in Arizona ein Häftling in der Gaskammer. Damals war die Giftspritze als Exekutionsmethode eingeführt worden. Vorher Verurteilte können aber weiter auch Giftgas wählen. Dies taten sowohl Karl als auch Walter LaGrand. Letzterer wollte damit nach eigenen Worten gegen die Todesstrafe protestieren. Sein 35jähriger Bruder entschied sich aber kurz vor der Hinrichtung am 24. Februar dieses Jahres dafür, doch durch die als weniger qualvoll geltende Giftspritze zu sterben. 

Mehr Informationen über die Todesstrafe unter: http://www.aclu.org/executionwatch.html

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Die Welt 05. März 1999

18 Minuten dauerte der Todeskampf von Walter LaGrand

Die Gaskammer gilt als grausamste Hinrichtung

Von Carter S. Dougherty
Berlin/Florence - Walter LaGrand wählte den Tod durch Gas - eine Methode, die zuvor nur bei zehn der insgesamt mehr als 500 Hinrichtungen in den USA seit 1976 eingesetzt wurde.
Diese Art der Hinrichtung wird in nur noch fünf der 50 US-Bundesstaaten benutzt. In Arizona wurde 1992 die elf Minuten währende Exekution von Donald Harding als so schrecklich empfunden, daß seitdem nur noch die rascher wirkende Giftspritze eingesetzt wird. LaGrand hätte diese Methode auch auswählen können, aber er wollte das Gas.
So wird LaGrand gegen 21 Uhr Ortszeit in die zylinderförmige Gaskammer des Gefängnisses von in Florence (Arizona) gebracht und an den schwarzen Stuhl geschnallt, auf dem er seine letzten Atemzüge tun wird. Zu seinen Füßen steht ein Behälter mit verdünnter Schwefelsäure, in der per Knopfdruck mehrere Tabletten Zyanidsalz fallen werden, etwa ein Pfund.
Durch kleine Fenster in der Gaskammer beobachten einige Journalisten die Hinrichtung, ebenso die Arizona-Generalanwältin Janet Napolitano und Dawn Lopez, eine Bankkauffrau, die den Überfall überlebt hat. Wenige Minuten später wird Lopez den Raum verlassen, mitten im Todeskampf von LaGrand.
In seinen letzten Worten entschuldigte sich LaGrand bei den Familien der Opfer und fügt hinzu: An all meine Lieben, ich hoffe, ihr findet Frieden. An alle hier Versammelten, ich vergebe Ihnen und ich hoffe, daß mir in meinem nächsten Leben vergeben werden kann.
Um 21:12 Uhr fallen die Zyanidtabletten in den Behälter. Giftige Dämpfe steigen in einem weißlichen Nebel nach oben. Geringe Anteile des Giftes werden auch durch die Haut aufgenommen. Das Gift ist zuerst am Geruch von Bittermandeln zu erkennen.
LaGrand beginnt zu husten und schnappt nach Luft. Er schüttelt mehrmals seinen Kopf. Eine Minute danach fällt der Kopf vornüber, er hustet nochmals und hebt seinen Kopf, bevor er dann endgültig vornüber fällt. Danach bewegen sich noch mehrmals reflexartig die Schultern.
Das Gas hat nun in LaGrands Körper lebenswichtige Stoffwechselprozesse unterbrochen. In den Zellen blockiert das Gift jene Stellen, an denen Sauerstoff gebunden wird. Bei einem Grenzwert von etwa 300 Teilen Gift pro einer Million Teilchen Luft tritt der Tod unverzüglich ein. Walter LaGrand wird um 21.30 Uhr für tot erklärt. Ein Augenzeuge empfindet die Hinrichtung als "schwierig anzuschauen wegen der Geräusche, die er machte".

Hinrichtungen in den USA
Angewandte Tötungsarten:

Giftspritze 366
Elektrischer Stuhl 141
Gaskammer 11
Strick 3
Erschießen 2

523 Hinrichtungen seit Ende des Moratoriums 1976

Gefängnisse des Bundesstaates Arizona im Internet unter: http://www.adc.state.az.us:81/prison1.htm

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Neues Deutschland 13./14. März 1999

Todesurteil aufgehoben

Chicago (Reuters/ND). Ein Gericht im US-Bundesstaat Illinois hat offiziell das Todesurteil gegen einen Mann aufgehoben, der 16 Jahre unschuldig wegen eines Doppelmordes im Gefängnis saß und hingerichtet werden sollte. Das Gericht folgte damit einem Antrag der Staatsanwaltschaft, die seine Unschuld als erwiesen bezeichnet hatten.

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Neues Deutschland 26./27. Februar 2000

USA/Texas
Bush kannte keine Gnade - Urgroßmutter Beets hingerichtet

Trotz zahlreicher Verfahrensfehler wurde das Todesurteil vollstreckt
Von Konrad Ege, Huntsville

Es sei eine »problemlose« Routinehinrichtung gewesen, erklärte die Leitung des Hochsicherheitsgefängnisses von Huntsville Um 18.18 Uhr (Ortszeit) wurde das Todesurteil gegen die 62-jährige Betty Lou Beets am Donnerstagabend mit der Giftspritze vollstreckt.
Die Hinrichtung der sechsfachen Urgroßmutter war die 121. seit dem Amtsantritt des texanischen Gouverneurs George W. Bush vor fünf Jahren. Etwa hundert Demonstranten waren vor dem Gefängnis erschienen. Zuvor hatte es über Monate hinweg zahlreiche Gnadenappelle von Bischöfen, Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Frauenverbänden gegeben. Sie blieben vergeblich.
Die grauhaarige Beets hatte im Todestrakt viel gestrickt und gehäkelt. In den Medien galt die frühere Kellnerin als die »schwarze Witwe«: Sie war wegen des Mordes an ihrem fünften Ehemann Jimmy Beets 1983 zum Tod verurteilt worden. Beets habe aus Habgier getötet, weil sie das Geld aus der Lebensversicherung haben wollte, hatte das Gericht argumentiert. Angeblich soll die Frau auch ihren vierten Ehemann ermordet haben, wofür es jedoch keine Beweise gibt. Nach Darstellung ihres Anwalts wurde Beets ihr Leben lang von Männern misshandelt, auch von Jimmy Beets. Nach der Vergewaltigung durch ihren eigenen Vater litt sie an schweren psychischen Schäden sowie den bleibenden Folgen einer Hirnhautentzündung.
Nu einmal hatte George W. Bush einen Todeshäftling begnadigt, weil dieser für den Zeitpunkt des Mordes ein felsenfestes Alibi vorlegen konnte. Er prüfe bei Gnadengesuchen, »ob die Geschworenen mit allen Fakten vertraut gewesen sind, ob der Verurteilte schuldig ist, und ob er ein vollständiges Berufungsverfahren hinter sich hat« erklärte der republikanische Präsidentschaftskandidat.
Nach Ansicht des USA-Menschenrechtlers David Atwood gab es bei Beets aber genug Gründe für eine Begnadigung. Die Geschworenen hätten vieles nicht gewusst. Es gab katastrophale Fehler der Verteidigung: So erwähnte Beets damaliger Anwalt E. Ray Andrews im Prozess nicht die dauernden Misshandlungen der Frau als mildernde Umstände. Außerdem verschwieg er vor Gericht, dass Beets entgegen der Anklageschrift zum Zeitpunkt des Mordes überhaupt nichts von der Lebensversicherung gewusst hatte. In Texas ist das ausschlaggebend: Das Todesurteil konnte nur gefällt werden, weil Beets ihren Mann angeblich aus finanziellen Gründen umgebracht hatte. Bei einem »einfachen Mord« hätte sie maximal eine lebenslange Haftstrafe erhalten. Andrews hat anscheinend nichts gesagt, weil er ein Buch über die »schwarze Witwe« schreiben wollte. Nach einem Bericht der »Washington Post« wurde Andrews, wenige Jahre später Staatsanwalt. 1994 wurde er zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, weil er einem Mörder angeboten hatte, für 300000 Dollar nicht die Todesstrafe zu verlangen.
Bush lehnte Beets Gnadengesuch trotz allem kurz vor der Hinrichtung ab. Er sei von ihrer Schuld überzeugt und die Gerichte hätten den Fall ausreichend untersucht. In den vergangenen Monaten war Bush zunehmend in die internationale Kritik geraten. Nirgendwo in den USA werden so viele Menschen hingerichtet wie in Texas. Beets Exekution war die zweite Hinrichtung einer Frau in Texas seit 1863.

epd

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